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Konsum und sein Ziel

PrimarkAussenIch möchte in diesem Beitrag die Grundlage schaffen für einen der nachfolgenden Beiträge. Es geht um den Zweck des Konsums. Dazu möchte ich gerne aus einem „Kinderbuch“ zitieren und erst im Anschluss die Analogie herstellen.

In Michael Endes Buch Momo finden wir im Kapitel 7, welches die Überschrift „Momo sucht ihre Freunde und wird von einem Feind besucht“ trägt, eine eindrucksvolle Szene.
Momo findet eine Puppe, welche scheinbar von einem Kind vergessen wurde. Diese Puppe kann ein paar Sätze sprechen, wie z.B. „Ich bin Bibigirl, die vollkommene Puppe“ oder „Ich gehöre dir, alle beneiden dich um mich“ aber auch „Ich möchte noch mehr Sachen haben.“

In diesen wenigen Sätzen der Puppe beschreibt Michael Ende bereits viele niederen Motivationsgründe der Menschen: Stolz, Besitz/Macht und Gier.

Kurz darauf trifft sie auf einen grauen Herrn, der wie folgt beschrieben wird:

[…] Momo erschrak ein wenig. Ganz nah stand nämlich ein elegantes aschengraues Auto, dessen Kommen sie nicht bemerkt hatte. In dem Auto saß ein Herr, der einen spinnwebfarbenen Anzug anhatte, einen grauen steifen Hut auf dem Kopf trug und eine kleine graue Zigarre rauchte. Auch sein Gesicht sah aus wie graue Asche.

Nun verstärkt der graue Herr die niederen Motivationsgründe in dem er sagt: „Was für eine schöne Puppe du hast!“ oder „Darum können dich alle deine Spielkameraden beneiden.“.
Weiter fährt er fort „Die war bestimmt sehr teuer?“, hier erfolgt der erste Widerstand von Momo, die Antwortet „Ich weiß nicht“ um verlegen zu ergänzen „ich hab sie gefunden.“

Unmittelbar erwidert der graue Herr „Du bist ja ein richtiger Glückspilz, scheint mir.“. Er merkt aber auch, dass sich Momo nicht so einfach einlullen lässt und spricht „Ich habe allerdings nicht den Eindruck, als ob du dich so besonders freust, meine Kleine.“. Momo bestätigt diese Vermutung.

Nun kommt der perfide Plan des grauen Herren zur Geltung in dem er sagt: „Ich habe dich schon seit einer ganzen Weile beobachtet, und mir scheint, du weißt überhaupt nicht, wie man mit einer so fabelhaften Puppe spielen muss. Soll ich es dir zeigen?“.

Die Puppe quäkte daraufhin „Ich will noch mehr Sachen haben!“

Nun holt der graue Herr ein Kleidungsstück nach dem anderen aus dem Kofferraum des Autos, mit dem er gekommen ist. Ein wahrer Kleiderberg entsteht und der graue Herr spricht: „So, damit kannst du erst einmal eine Weile spielen, nicht wahr, Kleine? Aber das wird nach ein paar Tagen auch langweilig, meinst du? Nun gut, dann musst du eben mehr Sachen für deine Puppe haben.“

Wiederum legt er nach und holt kleine Handtaschen, Lippenstift und Puderdöschen, einen kleinen Tennisschläger, Halsketten, Ohrringe, ein kleines Scheckbuch usw. aus dem Kofferraum heraus.

Der graue Herr spricht sogar an, was passiert, wenn Bibigirl alles hat: „Man muss nur immer mehr und mehr haben, dann langweilt man sich niemals. Aber vielleicht denkst du, dass die vollkommene Bibigirl eines Tages alles haben wird und dass es dann eben doch wieder langweilig werden könnte.“
Seine Lösung ist ein passender Gefährte für Bibigirl und das Spiel beginnt mit Bubiboy von neuem!

Etwas später kommt dann die wahre Absicht des grauen Herrn zum Vorschein, als er sagt: „Du brauchst dann deine Freunde gar nicht mehr, verstehst du? Du hast ja nun genug Zerstreuung, wenn all diese schönen Sachen dir gehören und du immer noch mehr bekommst, nicht wahr? Und das willst du doch? Du willst doch diese fabelhafte Puppe? Du willst sie doch unbedingt, wie?“

Momo blickt mit offenem Herzen doch hinter die Fassade und widersteht der Versuchung in dem sie sagt: „[…]man kann sie (die Puppe) nicht lieb haben.“

Was nun geschieht ist hoch interessant, wenn man bedenkt, dass Michael Ende das Buch 1973 geschrieben hat. Der graue Herr zückt ein Notizbüchlein aus der Tasche und blättert darin bis er die Seiten zu Momo findet. Dann fährt er fort: „Das Einzige, worauf es im Leben ankommt, ist, dass man es zu etwas bringt, dass man was wird, dass man was hat. Wer es weiterbringt, wer mehr wird und mehr hat als die anderen, dem fällt alles Übrige ganz von selbst zu: Freundschaft, Liebe, Ehre und so weiter. Du meinst also, dass du deine Freunde lieb hast. Wir wollen das einmal ganz sachlich untersuchen.“

Ungebremst fährt der graue Herr dann fort: „Da erhebt sich als Erstes die Frage, was haben deine Freunde eigentlich davon, dass es dich gibt? Nützt es ihnen zu irgendetwas? Nein. Hilft es ihnen, voranzukommen, mehr zu verdienen, etwas aus ihrem Leben zu machen? Gewiss nicht. Unterstützt du sie in ihrem Bestreben Zeit zu sparen? Im Gegenteil. Du hältst sie von allem ab, du bist ein Klotz an ihrem Bein, du ruinierst ihr Vorwärtskommen! Vielleicht ist es dir bisher noch nicht bewusst geworden, Momo, – jedenfalls schadest du deinen Freunden einfach dadurch, dass du da bist. Ja, du bist in Wirklichkeit ohne es zu wollen, ihr Feind! Und das nennst du also jemand lieb haben?“

Dann holt er mit Momos Argument zum großen Schlag aus, als er sagte: „und deshalb wollen wir deine Freunde vor dir beschützen. Und wenn du sie wirklich lieb hast, dann hilfst du uns dabei. Wir wollen, dass sie es zu etwas bringen. Wir sind ihre wahren Freunde. Wir können nicht stillschweigend mit ansehen, dass du sie von allem abhältst, was wichtig ist. Wir wollen dafür sorgen, dass du sie in Ruhe lässt. Und darum schenken wir dir all die schönen Sachen.“

Momo bleibt sich treu und kann daher der Versuchung (noch) widerstehen…

Versuchen wir nun, die kurze Geschichte in unsere Gegenwart zu übertragen.

Wie sehr überhäufen wir unsere Kinder in jüngstem Alter bereits mit Spielsachen aller Art? Wie sehr fördern wir den Rausch nach immer mehr? Wie schnell geben wir dem äußeren Druck nach, wenn die Freunde z.B. ein Handy besitzen, unsere Kinder aber noch nicht? Wie leicht lassen wir uns von Werbung verführen? Wie sehr „missbrauchen“ wir unsere Kinder, um unseren erwünschten Status über sie nach außen zu projizieren?

Und wozu das alles? Um die Langeweile unserer Kinder zu übertönen? Um uns von anderen ab zu heben? Weil es das System so vorgibt oder etwa weil wir uns gar keine Gedanken darüber machen?!

Solange wir mit dem Strom schwimmen – uns stets anpassen – werden wir uns solche Fragen wohl nicht stellen. Selbst wenn wir in eine (System-)Krise kommen, können wir sicher sein, dass wir darin nicht allein gefangen sind und daher es schon irgendjemanden geben wird, der uns aus dieser Krise führt.

Das was uns Menschen aber auszeichnet ist, dass wir intelligent handeln können. Dazu müssen wir unser Handeln aber ein paar Schritte in die Zukunft projizieren – ähnlich wie bei einem Schachspiel, bei dem wir bereits die nächsten und übernächsten Züge planen. Tun wir dies bei unserem Konsumverhalten – und vor allem auch bei den Menschen, die uns anvertraut sind – dann sind wir in der Lage, dieses Verhalten zu hinterfragen. Wir haben dann die Chance hinter die Fassade zu blicken.

Es wird nicht einfach sein, denn Kinder – einmal von dem (Konsum-)Virus angesteckt – möchten nur ungern auf ihre „Privilegien“ verzichten. Sei es nun der tägliche Fernsehkonsum, die neuesten technischen Gerätschaften oder Spielsachen. Das Ergebnis ist dann aber die Freiheit, wieder eigenständig Entscheidungen treffen zu können.

Abschließend möchte ich noch auf die Szene, in dem der graue Herr sein Notizbüchlein zückt eingehen. Ich finde es bemerkenswert, wie Michael Ende bereits 1973 einen klaren Blick in die Zukunft geöffnet hat. Längst veröffentlichen wir auf Facebook und Co. unsere tägliche „Biographie“, längst ist durch die (nahezu) lückenlose Überwachung unserer Telekommunikationsmittel ein Profil von jedem und jeder erstellbar. Eine bloße Sammelleidenschaft den Institutionen zu unterstellen ist naiv, denn diese Sammelleidenschaft verschlingt Unmengen an Kapital, dass auch für andere Zwecke genutzt werden könnte.

So darf es eines Tages nicht verwundern, wenn man bereit ist gegen den Strom zu schwimmen, dass die Strömung plötzlich zu nimmt und Hindernisse vor einem auftauchen, die Stromabwärts nicht existierten. Je früher wir zu Frei-Schwimmern werden, desto leichter bleiben wir über Wasser. Zu warten, bis das aktuell (im geheimen) verhandelte transatlantische Freihandelsabkommen 2015 Realität wird, ist keine intelligente Schwimm-Strategie. Aber schauen Sie selbst:

https://www.youtube.com/watch?v=uUOhCsnLAv4

Wir sollen uns wieder als Kollektiv verstehen und gemeinsam für unser Wohl kämpfen. Zu sehr hat uns der Konsumrausch bereits verblendet, was es heißt, sich für das Gemeinwohl ein zu setzen. Immer mehr Lebenszeit wenden wir auf, um den Konsum am laufen zu halten. Immer weniger Zeit bleibt uns, für ein Gemeinwohl zu sorgen, dass auch die nächsten Generationen nutzen können – denn die Konsumartikel halten selten länger als das Gewährleistungsversprechen.
Spätestens wenn wir an die Endlichkeit der Ressourcen stoßen, werden wir uns dessen bewusst, nur dann ist es zu spät! Bereits heute sind blutige Verteilungskämpfe der noch wenigen verbliebenen Ressourcen im Gange – wir müssen nur hin sehen, um zu begreifen, welches Ziel hinter dem Konsum steckt. Wenn wir dann noch für uns und die nachfolgenden Generationen handeln, können wir dem Teufelskreis ein Ende bereiten.

Unsere Zeit hat eine vortreffliche Manipuliermasse hervorgebracht:
die Konsumenten.
(Paul Schibler)

Ro!and
Über Ro!and (353 Artikel)
Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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4 Kommentare zu Konsum und sein Ziel

  1. Das TTIP wird die Rechte der Konsumenten weiter abbauen und somit bestimmt die Industrie was gut ist und was nicht, zudem ist die Industrie keinen nationalen Gesetzen mehr unterworfen eine Unmöglichkeit aus Sicht der Menschen.
    Es geht dem TTIP darum möglischst viel Gewinn aus dem Handel zu ziehen und gleichzeitig die Vorschriften welche den Menschen schützen vollständig aufzugeben.
    Die Konzerne können Staaten einklagen um ihre Investitionen zu schützen, dann muss der Bürger den Konzernen Entschädigungen zahlen, das ist schlicht und einfach gesagt eine Schweinerei, weil die Konzerne mehr Recht als Staaten und Bürger haben.

    • Mit Freihandel – im Wesentlichen also der Beseitigung von Zöllen – hat das TTIP wenig gemein. Ich halte daher die Begriffswahl mehr als fraglich, ganz abgesehen von den Zielen, dieses geheimen Abkommens…

  2. Ja, da ist alles beisammmen. Damals sagte mir beim Lesen mein Gefühl, dass Momo richtig liegt, und dennoch konnte ich es nicht lassen, mich in das große Geldverdienen zu werfen. Eine Familie, ein Auto, ein Haus.
    Schnell war aber auch die Scheidung da, keine Familie, kein Haus mehr, weil zu viel mit der Arbeit beschäftigt …

    Ich hatte vor einiger Zeit diesen interesanten Artikel gefunden:

    Die größte Bedrohung für eine Gesellschaft, die das Glück (durch Konsum) zur höchsten Maxime erklärt hat, ist ein wunschlos glücklicher Kunde

    Viele Grüße
    Martin

    • … vor allem, da das Glück durch den Konsum als ein Phantom daher kommt. Gefangen in den (Schein-)Bildern wird so eine Wirklichkeit erzeugt, die in sich wahr ist. Setzt man aber alle Teile zusammen, so ist das Gesamtbild falsch. Das ist eines der Wesensmerkmale einer Lüge, denn nur eine gute Lüge lügt nicht beim Detail, sondern erst beim großen Ganzen.

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  1. Die Kunst des klaren Blicks | Schnappfischkapitalismus

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