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Welt-Sichten

Arbeit Gefangen Zaun HoffnungDas die eigene Wahrnehmung sehr subjektiv ist, war schon öfters Thema und ist auch die Basis für den Konstruktivismus. Das Glaubenssysteme ganzen Gemeinschaften/Völkern eine gewisse Sicht der Wirklichkeit vorgeben, dürfte denjenigen, die sich kritisch mit der Wahrnehmung auseinander setzen, ebenfalls bekannt sein. Alleine eine Diskussion mit Vertretern eines anderen Glaubenssystems zeigt die verfahrene Situation auf. Wer sich dies einmal bewusst machen möchte, schaue eine der unzähligen (politischen) Talk-Shows aus diesem Blickwinkel aus an. Wer etwas mehr Atmosphäre möchte, gehe zu einem Stammtisch eines anderen (politischen) Glaubenssystems und versucht die Anwesenden von seiner Sicht zu überzeugen.

Das Überzeugen kann dabei mit Argumenten unterlegt werden – was leider kaum mehr stattfindet – oder aber auf äußeren Druck basieren. Dazu ein kleines Beispiel:

Stellen Sie sich einmal vor, Sie gehen einkaufen. Mit im „Gepäck“ ist nicht nur die Einkauftasche, sondern auch zwei ihrer Kinder im Alter von drei und sechs Jahren. Bis zur Kasse verläuft der Einkauf noch ohne größere Zwischenfälle. Dann aber erkennt ihr Dreijähriger (wahlweise auch ihre Dreijährige) die Überraschungs-Eier und will unbedingt eines haben. Durch ihren Kopf schießen gleich mehrere Gedanken. Einer könnte sein, dass es dabei nicht bleiben wird, der Sechsjährige sicher auch etwas möchte. Oder aber ihnen passt gar nicht das Preis-Leistungs-Verhältnis. Oder aber Sie haben Tage zuvor von einer Studie gelesen, welche besagt, dass die darin enthaltene Plastik-Überraschung im Verdacht steht, Krebs auszulösen…

Ihre erste Reaktion ist vielleicht die, ihrem Dreijährigen eine Alternative anzubieten. Dieser zeigt sich aber nicht bereit, von dem Wunsch abzulassen. Die Argumente nutzen nichts: er WILL das Ü-Ei! Ihr Kind anzuschreien bringt nichts, es wird nur selbst ebenfalls lauter. Mittlerweile haben Sie auch einige Zuschauer des Geschehens. Einige bleiben vielleicht auch nicht passiv, sondern bringen sich ein: „Nun geben Sie ihrem Kind doch das Ü-Ei.“ oder „Was sind das denn für Manieren…“.

Ihr Dreijähriger aber lässt nicht davon ab: um seinen Willen Ausdruck zu verleihen schnappt er sich aus dem Einkaufswagen eine Packung Mandeln und wirft diese auf den Boden. Die Tüte platzt auf und der Inhalt verteilt sich – klarer Fall von Kollateralschaden. Ihnen entgleitet die Hand, wodurch sie nun zum Täter werden und ihr Kind die Opferrolle einnimmt…

Die Geschichte könnte man nun weiter treiben, belassen wir es aber an dieser Stelle dabei und wenden uns den aktuellen Geschehnissen unserer Zeit zu.

Um eine Brücke von der Geschichte zur Gegenwart herzustellen, nimmt Syrien die Rolle des Supermarkts ein. Ihr Dreijähriger wird prominent durch die USA besetzt und die Zuschauer dürfen sich wahlweise die Rolle von NATO-Mitgliedern aussuchen oder sich als einen der unzähligen „Freiheitskämpfer“ sehen. Ihnen fällt die Rolle von Russland zu.

Das Ü-Ei der Begierde bekommt die undankbare Rolle, den Krieg vertreten zu dürfen.

Macht man sich einmal bewusst, dass in Syrien kein Bürgerkrieg stattfindet, wie uns so oft die Medien vermitteln (wollen), sondern ein Stellvertreter-Krieg, dann sind wir im richtigen „Film“.

Schaut man sich die aktuellen Geschehnisse an, welche sich gerade um den Abschuss des russischen SU-24-Bombers durch eine türkische F-16 ranken, so sind wir etwa dort angekommen, wo unsere obige Geschichte endet. Geht man etwas in die Vergangenheit zurück, z.B. zum Abschuss des Krankenhauses in Kundus, mag dies für die Packung Mandeln stehen.

Egal, ob wir bei der Geschichte bleiben, oder bei den aktuellen Ereignissen. In beiden Fällen ist schon am Anfang etwas schief gegangen. Ob es an den Begehrlichkeiten liegt, an der Erziehung, der Ehrlichkeit… ist in der jetzigen Situation egal. Für die Zukunft lässt sich vielleicht etwas verändern, für die jetzige Situation jedoch gilt es, den Schaden zu begrenzen. Nur wie kommen alle Akteure wieder zu einem gemeinsamen Weltbild? Wie lässt sich der entstandene Schaden wiedergutmachen?

Wie würden Sie den Einkauf befrieden? Vielleicht liegt darin ja eine Lösung für den Konflikt in Syrien…

Die Welt ist Gottes unausdenklicher Gedanke.
Und göttlich der Beruf, zu denken ohne Schranke.

Nichts auf der Welt, das nicht Gedankenstoff enthält
Und kein Gedanke, der nicht mitbaut an der Welt.

Drum liebt mein Geist die Welt, weil der das Denken liebt,
und sie ihm überall so viel zu denken gibt.
(Friedrich Rückert, Die Weisheit des Brahmanen)

Ro!and
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Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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3 Kommentare zu Welt-Sichten

  1. Vertrauen in die absolute Ordnungsmäßigkeit aller Dinge kann man nicht stehlen. Man kann es aber verlieren, indem man es versucht.

  2. Nixfür Ungut, lieber Roland, aber der Vergleich Syrien- unmündige Kinder hinkt leider allzusehr.Denn es gibt leider – oder den Himmeln sei dank – keine globalen Welt- Erziehungsberechtigten. Oder etwa doch und wir sind irgendwie im Babyalter adoptiert worden? Neeeee, kann nicht sein, Staaten sind ja keine Personen.(-;

    Es hilft nur , wie du ja auch immer betonst, der Kampf für freien und ungefilterten Informationszugang zwecks stetiger tabuloser Aufklärung der Bürgerpubertis. Das ist die einzig zulässige „Erziehungsmethode“ für kritisch- unabhängige Bürger.
    Habe vor kurzem gelesen, dass „metager“ Probleme bekommen könnte. Da fängts schon an – oder gehts grad weiter.
    (Das mir Vergleichen und Metaphern ist eh eine schwierige pädagogische Kunst.) (-;

  3. Alles ist subjektiv auf der Welt und dies macht daraus eine Welt der Subjekte und Objekte als Individualismus.

    Die ununterbrochen ausgeteilte, pur individuelle Betrachtungsweise oder die kontinuierliche verzerrte Sicht der Ganzheit führt zu verzerrtem Erleben dieser.

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