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Scheinjäger

Gestern war ich auf einem interessanten „Vortrag“ – es ging um eine Revolution im Klassenzimmer und so hieß dann auch der Titel der Lesung von Alia Ciobanu. Soviel nur kurz, es ging um eine ehemalige methodos-Schülerin, die aus ihrem Buch vorgelesen hat, bei welchem es um die gesammelten Erfahrungen vom eigenständigen Auf-den-weg-Machen zum Abitur geht. Ich war mit meiner Kamera dabei und habe ein paar Bilder und einen Film erstellt:

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Jetzt zum Thema „Scheinjäger“.

Da es bei der Lesung um den Bruch der gesellschaftlichen Konventionen ging und sie gerade dabei sind, eine Uni zu gründen – heute am Sa. (09.11.13) ist die Einweihungsfeier in Stuttgart – konnte ich mir die Frage nach dem Zertifikat – manche nennen es Diplom, andere Dissertation, oder Abitur etc. – nicht verkneifen. Dabei habe ich mich als Scheinjäger geoutet und darüber möchte ich etwas schreiben, denn ich glaube auch das ist ein Merkmal unseres gesuchten Schnappfisches…

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Zurück zu mir. Irgendwann habe ich als (zwangsweiser) Hauptschüler ein Praktikum gemacht und mir war klar, das möchte ich nicht als Beruf täglich machen. Wie schön wäre es, wenn ich studiere. Okay, viel Vergleiche hatte ich nicht gerade, da in der Familie oder auch erweiterten Verwandtschaft jetzt niemand mir hier Erfahrungswissen weitergeben könnte. Aber wie sagst Du Wolfgang immer so schön: „macht ja nix!“. Genau, da hast Du recht und so schaute ich beim BIZ nach und ich wusste jetzt, welche Voraussetzungen notwendig sind. Machte also meinen ersten Schein bei der Hauptschule, dann den nächsten bei der Wirtschaftsschule und dann noch einen beim Wirtschaftsgymnasium. Danke übrigens Klaus für den kritischen Blick und die Möglichkeit an dir zu reiben. Ich weiß heute noch, wann der Augsburger Kirchenfriede war – hab aber einen ganz anderen Zugang zu Geschichte gefunden als die olle auswendiglernerei von Zahlen. Bevor ich es vergesse, ich schick dir die Tage noch ein Büchlein von mir zu, ich hoffe Du kannst Dich noch an mich erinnern, ist ja g’rad mal 25 Jahre her…

Also weiter mit meinen Scheinchen. Den letzten Schein, sie ahnen es bereits, hatte ich irgendwann in der Tasche und ich konnte mein Ziel angehen. So bin ich dann auch in Karlsruhe gelandet, da dort die renommierteste Uni in meinem Fach war – leider auch die schwerste, denn in Analysis durfte ich gleich erfahren, wie sich Scheitern anfühlt. Zweimal die schriftliche Prüfung nicht geschafft – wie übrigens 80% meiner Kommilitonen und -innen auch – und ich war bereit zum mündlichen Verhör. Ich habe nächtelang gelernt unter Angst, denn alles wofür ich die letzten Jahre hin gearbeitet habe, schien mir in den kommenden 45 Minuten zu entgleiten. Alle gesammelten Scheine nix wert. Ich erinnere mich noch gut an das Verhör nach den Cauchy-Folgen, hab aber auch immer noch keinen Plan wozu ich die mal brauche. Auch dem Hilbertraum bin ich noch nicht begegnet, aber das ist ja nur eine Frage der Zeit und der Sichtweise – Konstruktivismus wird aber ein andermal Thema sein. Lieber Christian (dein Nachname fällt mir gerade nicht ein, ich leide unter „partieller Namensdemenz“ – ein bisher noch unerforschtes Phänomen) ich weiß noch genau Deine Abschiedsworte: „Herr Forberger gehen Sie, aber gehen Sie mit Gott!“. Ich ging mit einer 4.0 und damit mit einem Schein mehr in meiner Tasche (4.0 ist dabei nicht schlecht, denn es geht hier um alles oder nichts und zu meiner Zeit konnte man nur zwei Noten für die mündl. Prüfung bekommen: 4.0 und 5.0 – oder anders: Leben und Tod, ist das mittlerweile anders?).

Das Angstlernen hat mich dann zum befreiten Lernen gebracht, aber nicht zu Gott. Ach übrigens Christian, ich hatte letzt gerade Bertrand Russells Buch „warum ich kein Christ bin“ gelesen – sehr aufschlussreiche Lektüre, kann ich nur empfehlen! Die restlichen Scheine bis zum Diplom gingen dann ohne große Zwischenfälle. Sogar Lineare Algebra wo auch wieder 80% und mehr scheiterten, war sogar beim ersten Mal kein Problem. Auf meinem Diplomzeugnis steht dann auch irgendwas von Eins-Komma drauf. Ich sehe den Schein nicht mehr so oft, seit dem er irgendwo in einer Klarsichthülle in einem dicken Scheinordner mit den ganzen anderen Scheinen verweilt. Leider habe ich mir damals über die Zielerreichung keine weiteren Gedanken gemacht und so war mir dann nicht so klar, was ich denn nun als nächstes mache, nachdem ich jetzt ein Diplom in der Tasche hatte. Zum Promovieren hatte ich gerade nach 20 Jahren Schule genug, da wollte ich jetzt mal nicht noch fünf Jahre dran hängen. Selbständig war ich schon mit 19 und parallel zum Studium mit dem Vertrieb von Hardware ein zweites mal. Aber Angestellter war ich noch nicht. Also habe ich in Zeiten knapper Stellen – 1997 drei Bewerbungen geschrieben, denn ich dachte damals „nur eine große Firma ist eine gute Firma“. Tja was soll ich sagen, bei IBM wurde ich dann nach einem Ass.Center-Aufenthalt als einziger von 25 Mitbewerbern zum Projektleiter – kein Plan zu dem Zeitpunkt was mich da erwartet. Beworben hatte ich mich als Administrator aber im Einzelgespräch, dass bei allen anderen ca. 10 Minuten dauerte, bei mir jedoch 2 Stunden, kam dann irgendwann die Frage auf nach dem Projektleiter. Als mir dann so grob erzählt wurde, was der dann so tut und ich es mir so ausmalen konnte. Ich das eine oder andere Improvisierte Theater machen durfte und es mir dann irgendwann so nach gut 1,5 Stunden zu doof wurde und ich fragte „reden wir jetzt von einer fiktiven Stelle?“ und ich nur zur Antwort bekam „würden wir dann noch hier zusammen sitzen?“, wurde mir einiges klarer. Egal, das Scheinchenjagen konnte wieder beginnen, denn die IBM wollte just 1998 einen internationalen Zertifizierungsprozess durchlaufen. Alle Projektmanager mussten PMI zertifiziert werden. Also zig Zwangsschulungen besuchen und dann ein Test machen. Bei der ersten Pflichtveranstaltung – es ging um Projektmanagement – war mir schon komisch, denn der hatte keine Ahnung von der Praxis und erzählte nur von einem Wunschideal – er war aber kein guter Erzähler. Ganz anders Tom de Marco mit dem Buch „der Termin!“ – ein super Buch!

Naja, egal. Es gab ja den Schein dafür und Berlin war auch nett – vor allem die Jungs und Mädels im Kurs. Die Fahrt im Kabrio durch Berlin war supi!
Zurück bei der IBM in Frankfurt war dann wieder voll Arbeit angesagt und die Theorie konnte gut verdrängt werden. Dank der Aufnahme in den Förderkreis für Management änderte sich dann meine Kursauswahl etwas. Ich lernte den Unterschied zwischen Schulung und Training kennen und da ich fortan nur noch Trainings besuchte, lernte ich dann auch Dich lieber Frido kennen und vor allem Dich lieber Karl Heinz (ich versuche übrigens auch nächstes Jahr wieder beim Symposium dabei zu sein!) – Dein Feedback und Deine Buchempfehlung waren sehr wertvoll. Kannst Du dich noch an unsere letzte Mail erinnern? Ich mich schon, Du hast zu mir gesagt, die Absolution soll ich mir selbst ausstellen (meintest damit den Schein). Ich habe ihn mir noch nicht ausgestellt, denn ich brauche ihn nicht mehr.

Dazwischen liegen aber noch 15 Jahre weg. Das PMI-Zertifikat habe ich nicht gemacht. Ich habe die IBM zuvor verlassen – worüber einige nicht Glücklich waren. Danke dennoch für den Hinweis auf Reinhard Sprenger. 1999 war es aber noch zu früh für die Entzauberung vom „Mythos der Motivation“ – wir haben ja 2003 telefoniert, danke für dieses Buch!

Kurzum meine 2007 angefangene Promotion habe ich dann nicht mehr nach der klassischen Art durch geführt und lieber ein Büchlein zum Thema geschrieben, statt den Titel zu jagen. Danke auch an „meine“ ehemaligen Studenten für die gemeinsame Entwicklung des Prototyps: Klaus, Michael und vor allem Norman – der jetzt vor seiner Master-Thesis zum Thema steht (wir wuppen das gemeinsam!). Durch Norman habe ich auch ein wertvolles Feedback, dass ich mit dem Dr.-Titel meinem Weg nicht gerecht geworden wäre. So ist alles stimmig.

Tja und da stehe ich jetzt und kann nur schreiben wozu das alles? Weil ich meinem Vater gefallen wollte. Weil ich ihm beweisen wollte, dass aus einem Hauptschüler auch was werden kann. Dabei wollte ich doch nie Hauptschüler werden – ich wurde es einfach, da mein Wunsch nicht entsprochen wurde. Also 20 nutzlose Jahre für diese Erkenntnis? Nein auf keinen Fall, denn ohne diesen Irrweg hätte ich nie die Menschen gefunden, denen ich mich verbunden fühle! Und was jetzt?

Tja, wenn sie ordentlicher Professor sind und eine Dissertation über Philosophie, Psychologie und Soziologie betreuen wollen (wohlgemerkt keine Detailarbeit, sondern die Zusammenhänge der Disziplinen), dann melden Sie sich bitte und wir können über alles reden.
Bis es so weit ist, freue ich mich schon auf unser baldigen Spaziergang im Schlossgarten lieber Hans Lenk. Mein Büchlein sollte mittlerweile bei deiner Uni-Adresse angekommen sein, wenn Du aus Nepal zurück bist. Schön wäre es, wenn wir zusammen an meinem neuen Buch über die Transformationsgesellschaft schreiben. Bis zu unserem Treffen bring ich dir den aktuellen Stand mit, dann können wir vorzüglich über die (kritische) Vernunft miteinander reden.
Vielleicht haben auch Sie lieber Herr Sloterdijk Lust auf ein gemeinsamen Spaziergang? Bei unserem Gespräch in der Sauna waren sie mehr für die Fahrrad-Philosophie. Egal, macht ja nix – wie mein guter Freund zu sagen pflegt…

So ist meine kurze Geschichte der Scheinchenjagd. Vielleicht haben sie auch eine und möchten davon erzählen? Vielleicht jagen sie aber immer noch Scheinchen – denn ein Scheinchen ist kein Schweinchen 😉 Aber da gehe ich heute nicht drauf ein – irgendwann später einmal werde ich etwas über Reime erzählen und wieso diese so wichtig waren (und sind?). Bis dahin können sie gerne Faust II lesen und sich deren Reimen erfreuen. Falls Sie das tun sollten, möchte ich noch eines mit auf den Weg geben. Der zweite Teil ist nicht für die Theaterbühne geschrieben, sondern fürs lebende Theater. Weitere Hinweise erspare ich mir, sonst macht das Suchen keinen Spass mehr – und das Suchen macht doch gerade einen Teil des Lebens aus. Den möchte ich Ihnen nicht nehmen! Falls Sie keine Lust am Suchen haben, schauen sie doch mal da hin, oder da hin

… und nicht vergessen, ihr Wissen dann hier zu teilen, denn:

geteiltes Wissen, ist geteiltes Leid!

Scheinjäger
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Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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