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Psychologie #1: Opfer, Täter und Retter

Personen_freestyle4In meinem Themenspeicher ist seit geraumer Zeit der Punkt „Psychologische Tricks“ aufgeführt und aus aktuellem Anlass möchte ich hier mit der Serie beginnen. Es wird also einige weitere geben, daher fange ich gleich an, diese zu nummerieren.

Bei der Psychologie, die ich in diesem und allen folgenden Beiträgen behandeln werde, geht es im Kern immer um Macht – daher sind alle diese Beiträge auch mit den Kategorien „Psychologie“ und „Macht“ verknüpft und lassen sich so leicht wieder finden.

Das Modell dieser Psychologie wird schon fast so selbstverständlich eingesetzt, dass es uns zu weilen gar nicht mehr auffällt. Das macht es besonders mächtig und gefährlich. Es ist bekannt unter dem Namen Dramadreieck (oder auch niederes Drama) und ist Teil der Transaktionsanalyse. Grundsätzlich gilt es, drei Rollen zu besetzen, die Opfer-Rolle, die des Täters (Verfolgers) und die des Retters (Helfers). Die Rollen müssen nicht immer so klar ersichtlich sein, im nachfolgenden (realen) Beispiel sind sie aber recht klar. Die Charakteristik der Rollen ist dabei einfach:

Opfer: der oder diejenigen Menschen, die verletzt sind,  welche die Armen sind, leiden müssen etc.

Täter: der oder diejenigen Menschen, welche die Schuldigen sind, die böse sind, die Regeln missachtet haben etc.

Retter: der oder diejenigen Menschen, die sich für die Opfer einsetzen um die Täter zu bestrafen, in die Schranken verweisen etc.

Soviel zu den Rollen. Jetzt müssen diese Rollen geschickt so besetzt werden, damit sie ihr Ziel (was auch immer das sein mag) an Besten erreichen. Wenn sie also jemanden bestimmten „an die Wand“ stellen möchten, dann wird diese Person zum Täter. Wenn sie es geschickt machen wollen, so wie im nachfolgenden Beispiel, dann benennen sie das Opfer nicht konkret, sondern belassen es als unklare Masse. Damit schützen sie zugleich das „Opfer“ und können wunderbar kontern, wenn der Täter zuschnappt und sich verteidigen möchte. Als Retter sind sie vermeidlich „neutral“ und können so aus einer höheren Machtposition agieren. Es ist oft sehr schwer, diese Mechanismen zu erkennen, gerade wenn man selbst in einer der Rollen gezwängt wird. Besonders tückisch wird es dann, wenn ein „Giftstachel“ im Spiel ist, der zu unüberlegtem Handeln einlädt.

Nun aber zu meinem gerade erst erlebten Beispiel.

Wie aus dem vorangegangenen Beitrag zur Lesung bereits zu entnehmen ist, war ich an diesem Tag mit meiner Kamera vor Ort und habe das Geschehen dokumentiert. Ebenfalls habe ich ein paar (ausschließlich private) Aufnahmen von einem pädagogischen Tag gemacht, damit meine Frau – die eigentlich teilnehmen wollte – wusste, was dort für Montessori-Material vorgestellt wurde. Soviel zur Vorgeschichte. Nun bekam ich vorgestern folgende Mail aus dem Büro besagter Schule:

Hallo Roland,

Wir möchten dich auf Grund einiger Rückmeldungen aus der Elternschaft ansprechen
bezüglich der Foto- Begleitung, die du bei verschiedenen […] Veranstaltungen übernommen hast.

Einige Menschen, die bei der Lesung dabei waren,
habe das Filmen und Fotografieren während der Lesung von Alia als wenig achtsam empfunden.
Die sehr kurzfristige Absprache mit der PR Gruppe hat wenig Raum für Besprechungen gelassen. Das Filmen am pädagogischen Tag wurde als Unangenehm emfunden.

Deshalb haben wir bei der letzten Sitzung mit der PR Gruppe beschlossen, das wir erst miteinander sprechen müssen, bevor du weitere Veranstaltungen mit der Kamara begleitest.

Am TdoT bitten wir dich nicht zu Fotografieren.

Wir möchten dich bitten uns die Fotos und Filmunterlagen zur Lesung zukommen zu lassen, damit wir damit unsere Homepage bestücken können.

Grüße
B. und R.

Der „Giftstachel“, den ich zuvor erwähnt hatte, ist in meinem Fall das Wort „achtsam“, da ich meine Fotografie unter dem Begriff Achtsame-Fotografie betreibe. Dieser Stachel hatte bei mir instinktiv dazu geführt, mich rechtfertigen zu wollen. Damit wäre ich aber in die „Falle“ gelaufen.

Ein guter Tipp von außen hat mich dann glücklicherweise davon ab gehalten, die Mail zu versenden und mir das Modell „Opfer-Täter-Retter“ ins Gedächtnis gerufen. Kommen wir nun kurz zur Rollenverteilung.

Opfer ist in diesem Fall die Elternschaft, sowie etwas konkreter die PR-Gruppe. Konkret aber nicht benannt, daher auch nur schwer zu „greifen“. Täter ist auch klar, der bin ich als unachtsamer Fotograf, und die beiden Retter sind B. und R. als B-Team.

So nun zurück zur instinktiven Reaktion. Ich wollte spontan darauf hinweisen, dass ich zur Lesung als freier Fotograf anwesend war, also als Gast und nicht als Schul-Vertreter. Ebenfalls habe ich mir zuvor die Erlaubnis der Gaststätte und von Alia eingeholt, daher alles im grünen Bereich. Verwunderlich ist es für mich dennoch, da ich die PR-Gruppe über diesen Umstand aufgeklärt hatte und auch bei ihnen bzgl. der Foto-/Filmunterstützung nachgefragt hatte. Das gleiche beim päd. Tag. Auch hier habe ich zuvor alle gefragt, ob es okay ist, dass ich Fotografiere und auch über den Zweck und die Absicht aufgeklärt – darüber hinaus, dass die Bilder/Videos nur zu privaten Zwecken dienen und nicht darüber hinaus Verwendung finden (daher sind auch keine Bilder von der Veranstaltung auf dem Blog-Beitrag zu sehen!). Es kam zwar nach ca. zwei Stunden eine Rückmeldung bzgl. des Unwohlseins aber dies wurde im Dialog unmittelbar gelöst. Daher um so missverständlicher, dass es nun einige Menschen gab, die dies gestört hatte und nicht mit mir in Dialog getreten sind.

All das zu schreiben, wenn auch alles mit Fakten belegbar, würde aber in der Situation nichts bringen. Es darf auch angezweifelt werden, wie viele diese „einige“ Menschen den konkret sind – meist verbleibt nach konkreter Rückfrage nur ein Rest von einer oder zwei Personen – wenn man denn überhaupt eine Antwort auf konkrete Fragen bekommt 😉

Die Krönung der Mail ist sicherlich, dass ich so zu sagen nur noch fotografieren darf, wenn es mir ausdrücklich gestattet ist. Ich möchte jetzt nicht auf das Grundgesetz Art. 5 eingehen. Auch nicht auf die „Bitte“, das von mir erstellte Material (unentgeltlich) verwenden zu wollen – denn das habe ich bereits direkt nach der Lesung der PR-Gruppe zur Verfügung gestellt. Vielmehr soll es jetzt darum gehen, wie eine Reaktion auf diese Mail ausfallen könnte.

Die Möglichkeit zur Rechtfertigung bzw. Klarstellung habe ich bereits beschrieben und verworfen. Zugestehen kommt für mich nicht in Frage. Bleibt also noch, nicht darauf zu reagieren. In diesem Fall ist das die einzige sinnvolle Reaktion. Ich habe mich dann noch für eine Alternative entschieden, welche die Opfer/Täter-Rolle etwas aufweicht. Einzig konkretes „Opfer“ war besagte PR-Gruppe und so schrieb ich folgende Mail an diese Gruppe von fünf Personen:

Liebe PR-Gruppe,

etwas verwundert habe ich heute nachfolgende Mail vom Büro erhalten, bei der konkret auf Euch eingegangen wird. Ich bin über den Stil etwas verwundert, wie auch über die „Anklagen“. Ist das die Zukunft der […], dass Dinge über das Büro per Mail kommuniziert werden?!

LG Roland

Zuvor habe ich versucht, zwei aus der PR-Gruppe telefonisch zu erreichen. Leider erfolglos, denn der direkte Kontakt wäre hier zur Konfliktlösung sicher der bessere Weg gewesen – ob ich der einzige bin, der dies so sieht?!

Es ist mir klar, dass ich mit dieser Mailantwort keine Klärung herbeiführe, dass kann nur im Gespräch erfolgen. Es gibt dazu auch einige gute Gesprächsmodelle, wie die bereits erwähnte GfK nach Marshall B. Rosenberg.

Ich möchte es dabei mit den Ausführungen belassen. Wichtig ist mir fest zu halten, dass wenn Sie in eine solche Täter-Rolle gedrängt werden und dabei noch ein Giftstachel wirkt, behalten Sie Ruhe und lassen sie sich nicht darauf ein, denn sonst beginnt ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchdringen ist.

Ob das den besagten Personen klar ist, weiß ich momentan noch nicht. Ergänze dies aber gern bzw. überlasse es den Personen, dies als Kommentar zu hinterlassen.

Haben Sie ähnliche Situationen erlebt, die mit dem Opfer-Täter-Retter-Schema klarer werden? Ich würde mich über entsprechende Anregungen in Form eines Kommentars freuen!

Denken ist schwer,
darum urteilen die meisten.
(Carl Gustav Jung)

Über Ro!and (401 Artikel)
Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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2 Kommentare zu Psychologie #1: Opfer, Täter und Retter

  1. Hallo Roland!
    Mit großem Interesse habe ich Deinen Beitrag zu deinem gewählten Thema gelesen. Dieses allgegenwärtige psychologische Thema wird von Dir zutreffend mit Rollen in der Theorie beschrieben und anschließend mit einem anschaulichen Beispiel untermauert. So weit so gut.

    Ich bin dann am Ende nochmal auf den Namen der Rubrik gestoßen: „Psychologische Tricks“ und habe mich gefragt wo in Deinem Artikel die psychologischen Tricks enthalten sind? Wahrscheinlich meintest du den Giftstachel und die Falle in die man tappt wenn man sich rechtfertigt.
    Zum Einen bin ich der Meinung das eine Rechtfertigung jedem zusteht, zum anderen finde ich den Begriff „achtsam“ durchaus problematisch, da mir eine offizielle (Duden?) Definition gerade fehlt und er Spielraum für Interpretationen zulässt.

    Damit war meine Suche nach den psychologischen Tricks nur unbefriedigend an einem Ende angelangt…

    Doch dann hab ich es entdeckt und kann nur feststellen:

    Du beherrschst die hohe Kunst der Thematisierung offensichtlich wie kein Zweiter!

    Während Du Deine Theorie zur Rollenverteilung mit Beispielen belegst schaffst Du es das gleiche Thema nochmals zu präsentieren. Viel subtiler als bei Deinem konkret genannten Beispiel. Fast nicht sichtbar und dennoch fällt es einem wie Schuppen von den Augen wenn man den Kern Deines Beitrags erkennt…

    Während Du vordergründig ein wissenschaftliches Thema behandelst bleibt dem Leser mindestens unbewusst Deine Rolle nicht unverborgen:
    Du bist ganz klar und deutlich das Opfer einer Verschwörung die sich gegen Dich gebildet hat!
    Die Täter sind hier dann natürlich schnell auszumachen: Nicht die nette PR-Gruppe sondern B.&R. aus dem Büro welche Dich quasi mit einem Bann belegt haben. Da offensichtlich gar keine Rückendeckung seitens der PR-Gruppe für dieses Vorgehen existiert ist die PR-Gruppe in zweiter Linie ebenfalls in der Opferrolle zu sehen. Diese Missachtung sämtlicher Regeln der Kommunikation ist natürlich viel schwerer zu werten als Deine eigenen Verfehlungen in deinem thematisierten Beispiel…
    Dass dieses Verhalten nicht ohne Konsequenzen bleiben darf erscheint jedem Leser als logische Konsequenz.
    Fehlt jetzt eigentlich nur noch der Retter mit seiner Macht. Aber auch der darf hier natürlich nicht fehlen:
    Während in Deinem Beispiel Opfer und Retter verschiedene Personen sind schaffst Du es auch hier der Rolle eine ganz neue Qualität zu geben:
    Der Retter bist Du selbst und Deine Macht ist das Internet mit diesem Beitrag! Während Du die fehlende persönliche Kommunikation bemängelst schaffst Du es die Qualität dieses Missstandes noch zu toppen indem Du weder persönlich noch per Mail reagierst und stattdessen diesen Beitrag – für alle Menschen dieser Welt lesbar – ins Internet stellst.
    Man könnte auf die Idee kommen dass Du der direkten Klärung aus dem Weg gehst weil Dir bewusst ist, dass Deine Beschreibungen der Rollenverteilung und Deines (im Beitrag nicht erkennbaren) „Fehlverhaltens“ in einer persönlichen Klärung dann doch nicht ganz der Wahrheit entsprechen und vielmehr Deinem subjektiven Empfinden entsprungen sind…

    Da fällt es dann doch viel leichter sich in der Anonymität des www Luft zu machen und seinen ganz privaten Pranger zu errichten

    Die Frage in die Runde der Leserschaft nach ähnlichen Erlebnissen sowie die Aufforderung erscheint mir mehr als Alibi für die Daseinsberechtigung dieses Beitrags. Die nicht vorhanden Kommentare sprechen zusätzlich eine deutliche Sprache…

    Nur was bringt es im Internet private Erlebnisse zu verarbeiten ohne die Macht zu haben etwas damit zu bewirken?

    Dies kann nicht Sinn und (Selbst-) Zweck sein.
    Um dem Ganzen auch Durchschlagskraft zu verpassen muss der Beitrag natürlich noch an alle vermittelt werden, die unbeteiligt genug sind um den Wahrheitsgehalt nicht zu hinterfragen und beteiligt genug um festzustellen dass ihr eigenes Umfeld damit gemeint ist und diesen Beitrag ihrer persönlichen Meinungsbildung hinzufügen.

    Diese Form der Stimmungsmache durch die Hintertür sucht meines Erachtens ihresgleichen…
    Ich bin jetzt an dem Punkt dass ich inständig hoffe dass die ganze Geschichte komplett erfunden ist!!!

    Stellt sich noch die Frage wie man dieses Anliegen an alle Beteiligten genauso suptil kommuniziert wie der Beitrag an sich. Auch hier hast Du mit Sicherheit einen Weg gefunden – dezent, unauffällig und doch mit dem gewünschten Erfolg.
    Dies würde mich sehr interessieren. Ich bin schon auf Deine Antwort gespannt!

    lg Grüße

    Alex

    • Hallo Alex,

      danke für die Einschätzung, die durchaus nachvollziehbar ist. Da es keine (absolute) Wahrheit gibt, ist auch die von mir dargestellt nur ein Fragment einer Wahrheit. Es geht mir in dem Blog nicht darum, jetzt jemand an den Pranger zu stellen und die große weite Welt von meinen Erlebnissen zu berichten. Ich habe nur für mich die Entscheidung vor 6 Wochen getroffen, Erlebnisse (bzw. Erkenntnisse) in eine Form zu bringen, die den allgemeinen „Schema-Ansatz“ sichtbar macht und gleichzeitig die Situation schildert, wie diese entstanden ist.
      Dieses Prinzip ist mir schon seit längerem ein Anliegen und kenne die Kehrseite aus meinem Studium zur Genüge. In einer Mathematik-Vorlesungen wird einem anhand eines Beweises klar vorgeführt, das die math. Aussage korrekt ist. Es fehlt aber die ganze Geschichte um diesen Beweis – die Wirrungen und verworfenen Ansätze. Diese versuche ich durch die persönliche Sicht mit in einen Beitrag auf zu nehmen.
      Zurück zum konkreten „Fall“. Da die Kommunikation hier anders verlief, bleiben stets Restzweifel. Wenn man wie in diesem dargestellten Fall alleine gegenüber einer anonymen Gruppe da steht, sind die Handlungsoptionen gering und ein Schema hilft hier, diese Situation zu klären. Dabei ist ein Schema – so wie in dem ersten Beitrag dargestellt – nicht die Realität, aber ein gutes Werkzeug um sich dieser anzunähern.
      So wie Du treffend bemerkt hast, geht es darum, sich dieser drei Rollen bewusst zu machen und den „Stachel“ zu entdecken, denn dieser bewirkt zu oft, dass wir unüberlegt handeln. Daher an dieser Stelle ein Dankeschön für diesen klaren Kommentar. Die Ermunterung selbst ein Kommentar zu verfassen ist mehr ein Angebot um ins Handeln zu kommen und nicht nur „Informationen“ zu konsumieren. Denn dadurch wird meine Sicht um weitere Facetten ergänzt.

      Deine Abschlussfrage muss ich noch etwas zurückstellen, da ich hier dem Ergebnis nicht vorgreifen möchte. Eine Lösung kann aber immer nur das persönliche Gespräch sein. Alles andere sind nur hinführende Aktivitäten.

      Nachtrag: Zum Thema Achtsamkeit gibt es noch nicht viele Quellen. Einer der sich dem Thema „verschrieben“ hat, ist Lienhard Valentin. Ein kurzes Interview findet sich hier: http://www.urbia.de/magazin/familienleben/erziehung/achtsamkeit-in-der-erziehung?page=3

      P.S.: Danke für den Kommentar, er hat gerade bewirkt, dass ich mit der geplanten Serie weiter mache. Hier gehts zum Teil 2: http://www.schnappfischkapitalismus.de/2013/12/psychologie-2-guter-junge-schlechter-junge/

      Glaube und Wissen sind nicht streng zu trennen. Man glaubt an sein Wissen. Wissen ist sprachlich fixierter Glaube. (Oswald Sprengler)

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