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Auf Schatzsuche

BineDie Vorbereitungen sind fast abgeschlossen. Ich gehe nochmals durch die Liste und prüfe, ob ich alles eingepackt habe. Lange schon habe ich die Schatzkarte, doch erst jetzt bin ich bereit, den Schatz zu suchen.
Ich gebe zu, der Grund ist meine momentane Not, aber darüber wird später, wenn ich den Schatz gefunden habe, keiner mehr reden. Ich muss in die Zukunft blicken und die Vergangenheit endlich hinter mir lassen!

Es wird Zeit, die Sonne geht auf und ich muss vor der Dunkelheit den Wald durchquert haben, sonst bin ich verloren. Ich wische die Angst zur Seite und mache mich auf.

Mein Gepäck wiegt schwer auf meinem Rücken. Ich hätte gerne noch mehr mitgenommen, aber ich muss das alles auch tragen können. Ich habe schnell mein Haus hinter mir gelassen, auch die Stadt ist bald nur noch ein kleiner Fleck wenn ich zurück blicke.

Den Bach überquere ich mit Leichtigkeit, war ich als Kind dort oft genug zum unbeschwerten Baden. In meiner Erinnerung erschien er mir weit breiter, jetzt reicht ein beherzter Sprung und ich stehe auf der anderen Seite. Die Wiese noch, und ich bin beim Wald angelangt. Alles nach Plan. Ich hole tief Luft und fasse Mut: „Jetzt oder nie!“, sage ich zu mir und laufe hinein.

Die Brombeerbüsche am Waldrand sind zäher als ich dachte, die Dornen schmerzen an den Beinen. Wären die anderen Hosen doch die bessere Wahl gewesen? Egal, jetzt ist es so – ich muss weiter, die Zeit drängt. Habe ich doch nur dieses kleine Zeitfenster zur Verfügung.

Endlich geschafft, ich bin durch die Dornenbüsche hindurch und erfreue mich an dem bereits zurückgelegten Weg. Doch was sehe ich da, in einem der Büsche funkelt etwas im Sonnenlicht – ich greife zu meinem Talisman, den ich am Rucksack befestigt habe. Er ist weg.
Adrenalin schießt in meine Adern, mein Kopf bläht sich von innen auf und droht zu platzen – Panik macht sich breit. Ich falle zu Boden und bekomme halt.

Ich kann nicht zurück – so viel Zeit habe ich nicht mehr, die Sonne steht schon zu hoch. Ich darf keine weitere Zeit mehr verlieren – ich muss ohne meinen Glücksbringer weiter!
Ich nehme allen Mut zusammen und schiebe meine Angst zur Seite. Wackelig gehe ich die ersten Schritte und die Angst weicht der Traurigkeit. Mein Talisman war mir immer ein treuer Wegbegleiter – nur durch ihn bin ich überhaupt so weit gekommen, bin ich da, wo ich jetzt stehe und nun muss ich ihn zurück lassen. Der Gedanke schmerzt!

Ich reiße mich zusammen und unterdrücke die Zweifel, zu oft schon bin ich dem Wald aus dem Weg gegangen, zu oft schon habe ich es aufgeschoben. Jetzt muss es gelingen, ich habe keine Wahl mehr.

Ich komme an eine Lichtung mit bunten Blumen. Die Sonne steht bereits im Zenit und ich habe Hunger. Am Rand der Lichtung setzte ich mich und esse meine belegten Brote. Das Farbenspiel ist eine wahre Freude, war der Weg doch bisher dunkel und farblos. Hastig esse ich auf und mache mich wieder auf den Weg: „Ich muss die verlorene Zeit aufholen!“, spreche ich laut aus, um mich zu motivieren, denn mein Ziel auf der Karte ist noch fern.

Der Wald wird dichter – kaum noch Sonnenlicht kommt bei mir an. Orientierungslos versuche ich die Richtung zu halten. Zu viele Bäume versperren mir den geraden Weg. Wieder kommt das Gefühl von Panik in mir auf, Ohnmacht macht sich breit. War es zu früh, den Schatz zu suchen? Hätte ich die Karte genauer studieren sollen um besser vorbereitet zu sein? Abermals schiebe ich die Zweifel zur Seite.

Ich bin erschöpft, völlig kraftlos sinke ich zu Boden und sehe dem letzten Sonnenstrahl nach, der den Himmel in ein dunkles Blau taucht. In der Dämmerung erkenne ich schemenhaft die Lichtung, an der ich mein letztes Essen eingenommen habe. Mit letzter Kraft gehe ich dort hin. Es ist dunkel, nur die Sterne spenden noch etwas Licht. Zu Essen habe ich nichts mehr. Sollte ich doch schon längst am Ziel sein – und jetzt bricht die Nacht herein und ich habe nichts, was mich wärmt.

„So ist es im Leben, wer nichts wagt, der nichts gewinnt!“, sage ich mir zum Trost. „Ich habe es immerhin gewagt!“, besänftige ich mich selbst – „und was hat es mir gebracht?“, schießt mir in Gedanken.

Der Mond geht auf und ich sehe wieder etwas klarer. In mitten der Lichtung, vorbei an dem Blütenmeer sehe ich etwas emporragen. Beim Sonnenschein ist es mir gar nicht aufgefallen – zu betäubend war die umgebende Blütenpracht – jetzt aber im Mondschein sehe ich es klar und deutlich, nichts lenkt mich ab.

Ich nehme meine letzten Kräfte zusammen und wanke los. Das Bild wird klarer, es ist meine Schatzkiste. Habe ich sie doch noch gefunden!

Alle Sorgen fallen wie ein Schleier vor mir. Voller Freude streiche ich mit meiner Hand über die sorgsam gearbeiteten Verzierungen. Um die Kiste windet sich ein goldener Beschlag. Auch er ist reich an Verzierungen.

Mein Herz pocht. Ich öffne langsam das Schloss und stemme den schweren Deckel auf. In der Truhe ist am Boden ein Spiegel eingelassen – ich sehe hinein und erkenne mich selbst. Das ist das erste Mal in meinem Leben, in dem ich mich selbst so sehe wie ich bin: schmucklos und in perfekter Vollkommenheit!

Ich schließe meine Augen und mein Leben beginnt.

Erkenne dich selbst!
(Inschrift am Apollotempel von Delphi)

Gewidmet, meiner Gefährtin Bine!

Auf Schatzsuche
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Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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