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Das 1×1 des Suppekochens

Schnappfisch-1769Es kocht gewaltig in der Hexenküche. Alle Zutaten sind in einem großen Topf und das Feuer bringt alles zum Kochen. Ab und an läuft etwas über, aber es ist noch genügend Suppe im Topf – zumindest solange der Topf nicht platzt!

Dieses gezeichnete Bild könnte auch gut in unsere momentane Gesellschaftssituation passen. Der Topf ist dann unsere Gesellschaft, die Zutaten sind unsere Renten-, Sozial-, Kranken-… Versicherungen. Das Feuer ist unser Geldsystem. Kochte die Suppe bisher noch auf kleiner Stufe, so befeuern wir den Topf immer Stärker. Schon längst sind wir an der kritischen Temperatur angelangt, an dem der Topf zu platzen droht – passiert dies, so bekommt keiner mehr etwas von der köstlichen Suppe. Viel schlimmer noch wird es die treffen, die nah am Topf stehen, wenn er platzt – Verbrühungen sind hier noch die kleinste Gefahr. Dennoch muss sich jeder der Gefahr stellen, wenn er etwas essen möchte, denn die Suppe kommt aus dem gemeinsamen Topf und wer etwas will, muss an den Topf treten und sich etwas nehmen.

Wie kam es aber zu der gefährlichen Situation?

Ich möchte weiterhin bei dem Suppen-Bild bleiben. Zum einen kann ich hier gute Vergleiche ansetzen, ohne jemanden persönlich an zu greifen. Ebenfalls ermöglicht mir das Bild, die Ursache heraus zu arbeiten, ohne mich in Details zu verlieren. Parallelen zu Realität überlasse ich ihrer (Geschichts-)Kenntnis, verwässert doch ein paralleler Erzählungsstrang die Suppe zu sehr.

Um uns die Ursache bewusst zu werden, müssen wir zurück gehen. Nicht ewig weit zurück, aber dennoch soweit, dass wir noch keinen gemeinsamen Suppentopf hatten. In dieser Zeit kochte jeder sein eigenes Süppchen. Es gab einige, die waren hervorragende Suppenköche, zauberten virtuos eine Suppe von außerordentlicher Qualität und Geschmack. Viele der (zwangsweisen) Suppenköche jedoch waren nicht in der Lage, die passenden Zutaten für eine schmackhafte Suppe zu finden, andere wiederum wussten nichts von der Zubereitung und kochten auf zu kleiner Flamme. Dies führte dazu, dass es sehr unterschiedliche Suppen gab. Gleichwohl entwickelte sich ein neidischer Blick – der Suppenraubzug war geboren.

Es dauerte nicht lange, und die Suppen wurden allesamt minderer Qualität. Diejenigen, die zuvor noch schmackhafte Suppen kochten, mussten nun mehr Zeit aufwenden um dem Suppentourismus Einhalt zu gebieten, andere setzten ihre ganze Zeit darauf, Ausschau nach Suppen anderer zu halten und sich an dessen Suppentopf zu bereichern.

Es musste eine Lösung gefunden werden und so beauftragte ein weiser Herrscher seinen besten Schmied mit der Herstellung eines großen eisernen Topfes. So groß, dass er ausreichend Suppe für alle hungrigen Mäuler liefern soll. Es dauerte nicht lange, da war dieser Topf Wirklichkeit. Damit der Topf stets gut gefüllt ist, verlangte der Herrscher von allen seinen Untertanen reichhaltige Gaben. Das nötige Wasser zwackte er überall ab, wo er konnte. Der Topf war bald reich gefüllt mit allerlei schmackhaftem. Um dem Topf zu befeuern ersannen sich die Berater des Herrschers etwas außergewöhnliches – sie bedruckten buntes Papier, gab es dies doch in Unmengen und sorgte gleiches doch bei den Untertanen für das nötige Vertrauen, dass genügend Hitze erzeugt wird, damit das Wasser kochen möge.

Die gemeinsame Suppe lieferte einen vollen Magen für alle. Lecker war sie nicht, dazu waren die Zutaten zu breit gestreut und von unterschiedlicher Güte. Auch war die Suppe nicht immer heiß – es gab Tage, an denen die Suppe lauwarm war. Aber das Volk nahm sie gerne.

Es dauerte nicht lange, da kamen erste misslaunige Stimmen auf. Sie beschwerten sich lautstark über die wechselnde Qualität der Suppe. Der Herrscher nahm die Beschwerden ernst und rief die besten Berater zusammen, die lange nachdachten und mit ihrer Lösung viele zufrieden stellen konnten. Der Kunstgriff war, von nun an mit Gewürzen die Suppe schmackhafter zu machen. Das gefiel dem Volk und die Masse verstummte.

Nur ein paar wenige waren damit nicht zufrieden. Lieber hätten sie die Zutaten sortiert und die Schlechten gar nicht erst genommen. Viel lieber hätten sie ein Rezept erarbeitet, welches die passenden Zutaten berücksichtigt, statt alles zusammen zu vermengen. Viel lieber hätten sie nicht alle Zutaten weich gekocht, sondern die Inhaltsstoffe sanft in der Suppe belassen.

Dem Herrscher war das aber zu aufwändig und er sorgte dafür, dass diese kleine Gruppe kein Gehör findet. Fortan durfte diese Gruppe als letzte von der Suppe essen. An manchen Tagen gingen sie leer aus – fast immer aber war die Suppe bereits kalt und dünn. Alle Fleischstücke waren längst gegessen.

Die Masse fragte lieber nicht nach Veränderungen, gibt ihnen die Suppe doch einen warmen Bauch. Gleichwohl merkte sie, dass der Beigeschmack der vielen Gewürze sie nicht mehr erkennen ließ, was sie täglich essen. Das merkte auch der Herrscher und so ließ er sich und seinen treu ergebenen Untertanen ein eigenes Süppchen kochen. Nur ausgewählte Ingredienzien fanden den Weg in diesen Topf und auch das Wasser war von höchster Güte. Beheizt wurde dieser goldene Topf nur mit dem besten Holz, betreut von dem geschicktesten Koch.

Es dauerte nicht lange und es gab viele dieser goldenen Töpfe. Jeder der es sich leisten konnte, speiste aus einem solchen. Die breite Masse aber aß weiterhin aus dem großen, gemeinsamen Topf.

Der gemeinsame Topf kam in die Jahre und kleine Risse wurden sichtbar. Einiges des nahrhaften Nasses lief so aus. Anfangs viel es nicht weiter auf, irgendwann aber war es nicht zu übersehen – der Topf war nur noch halb voll gefüllt, als sich der erste an dessen Inhalt bediente. Fragen wurden gestellt und abermals wurden die Berater des Herrschers zusammen gerufen.

Die Erklärung war schnell gefunden. Der Schwund liegt an der langsamen Zubereitung. Das Feuer muss nur schnell genug und heiß genug kochen, dann verdampft auch nicht mehr so viel.
Fortan gab es nur noch Fast-Food und in der Tat, der Topf war fast wieder randvoll. Die Suppe war nicht mehr so bekömmlich wie damals aber mit etwas mehr an Gewürzen war auch hier schnell von den Beratern eine Lösung gefunden.

Auch dauerte es lange, bis jemand bemerkte, dass immer weniger Inhaltsstoffe in der Suppe vorhanden sind, wurden diese doch immer stärker für die goldenen Töpfe verwendet. Abermals mussten die Berater scharf nach denken. Die Lösung war so klar wie Kloßbrühe. Die Suppe wurde fortan püriert. Das sorgte für einen weiteren glanzvollen Effekt. Alle bekamen einen gleichen Anteil an Inhaltsstoffen bis zum letzten Löffel. Okay nicht alle, aber alle, die aus dem gemeinsamen Topf aßen!

Leider werden die Risse im Topf immer größer und man konnte bald zusehen, wie aus den Ritzen Suppe ausläuft. Ein paar Mutige halten ihre Schüsseln direkt in den Strahl und kamen so zu einer Extraportion. Gleichwohl reicht die Suppe schon lange nicht mehr für alle. Um zumindest auch den letzten noch eine Chance zu geben, wurde nach und nach Wasser zugeschüttet. Das machte die Suppe zwar weniger nahrhaft aber immerhin blieb so für die Letzten auch noch etwas übrig. Selbstredend, dass sich nicht alle diese Verwässerung gefallen lassen wollten. Seit dem gibt es eine klare Reihenfolge, wann wer essen darf und wann der Topf mit zusätzlichem Wasser gefüllt wird.

Wie wird diese Geschichte wohl weiter gehen? Wird noch rechtzeitig der Schnellkochtopf erfunden? Wie wird sich langfristig die Befeuerung mit bedrucktem Papier auf die Gesundheit auswirken – enthält die Farbe doch unzählige Giftstoffe? Reicht das bedruckte Papier überhaupt noch aus? Sind überhaupt noch genügend Zutaten für eine gesunde Mahlzeit vorhanden? Wie geht es anderen Gesellschaften? Können wir von anderen Lernen? Können wir überhaupt noch selbst kritische Fragen stellen oder haben uns die giftigen Dämpfe bereits das Hirn vernebelt und die inhaltsarme Suppe kraft und saftlos zurück gelassen?

Viele Fragen suchen eine Antwort. Vielleicht können Sie ein paar Antworten beisteuern?!

Die Erfahrungen eines Menschen gleichen den Jahresringen eines Baumes.
Jedoch kann nur der Mensch sein Wachstum gestalten –
es machen nur so wenige Gebrauch davon.

Das 1×1 des Suppekochens
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Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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2 Kommentare zu Das 1×1 des Suppekochens

  1. Das Symbol der Suppe ist zwar schön gewählt, aber das Symbol des Geldes für das Feuerholz finde ich nicht korrekt.
    Feuerholz hat in der Natur immer den gleichen Brennwert, Geld dagegen hat seit seiner Einführung immer mehr an „Brennwert“ verloren.

    Wir haben aus der Jahrtausende alten Geschichte einiger Naturvölker für unsere Zivilisation so gut wie nichts gelernt.

    Bei den Australischen Ureinwohnern gab es über Jahrtausende keine Probleme. Es war ein Leben in Eintracht mit der Natur und jeder hatte ausreichen Nahrung zum Leben. Erst durch den Kontakt mit der westlichen „Zivilisation“ wurde dieses Gleichgewicht gestört und die Natur zerstört.

    Aus dem, was die Ureinwohner in ihrer Mythologie bewahrt haben wollte man nichts lernen. Nur die Erhöhung des Ertrages war wichtig, ohne zu Fragen wofür diese „Mehrwert“ genutzt werden soll.

    In „unserer“ Zivilisation zählt doch nur die Steigerung von Wachstum, nicht die Notwendigkeit der „Ernährung“ aller.

    • Danke Wolfgang für den Hinweis. Ich unterscheide in der Geschichte Geld zur Befeuerung des großen Kessels und dem „richtigen“ Brennstoff Holz für den kleinen Kessel. In der Tat hätte man den Brennwert des Geldes noch herabwürdigen können, spätestens seit den 70er mit der Loslösung der Goldbindung. Ich spielte beim Schreiben auch mit dem Gedanken, ob ich die freiwerdenden Giftstoffe – die durch die Farben im Geld vorhanden sind – thematisieren soll, habe diesen Gedanken dann aber zurück gestellt, da er die Geschichte verwässert hat.
      Daher folgende Warnung: Bitte niemals mit Geldscheinen sein tägliches Feuerchen machen, denn dann stirbt man in Armut und an Krebs!

      Die fehlende Wertschätzung der Erfahrungen alter Völker ist eine geistige, wie auch seelische Armut unserer Wachstums-Ökologie sondergleichen. Es wird der Tag kommen, an dem die unwiderlegbaren Beweise des gescheiterten Neoliberalismus uns zu Füßen liegen. Was uns dann wieder aufrichten wird, ist eine Rückbesinnung auf die Wurzeln unserer Gesellschaft, die man in der Vergangenheit als Kultur bezeichnete.

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