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Das Ziel unserer Bemühungen

Schnappfisch-3707Vor einer guten Woche las ich in den lokalen Nachrichten von einer Abi-Abschluss-Feier mit rund 600 Jugendlichen. Dass es dabei zu übermäßigem Alkoholkonsum kam, ist kaum noch überraschend. Auch nicht, dass es in Folge des Alkohols dann zu Ausschreitungen kommt und die Polizei einschreiten musste. Was mich aber wunderte war, dass mehrfach die Schulunterlagen in Brand gesetzt wurden.

Ich gehe mal davon aus, dass das Abiturzeugnis nicht zu den Schulunterlagen gehörte, welche den Flammen zum Opfer fiel. Die restlichen Unterlagen müssen aber von so geringem Wert sein, dass hier nur noch das Feuer retten konnte, was sonst nicht mehr zu retten war.

Woran liegt es nun, dass die abgesessene Zeit nur mit einer derartigen Feier weggewischt werden kann? Es ist ja nicht so, dass mit dem Abitur in der Tasche nun die große Freiheit beginnt. So stellt das Zeugnis doch nur die Berechtigung dar, in dem System einen Schritt weiter nach vorne gehen zu dürfen. Bis ganz nach oben – auf die Spitze der Pyramide – ist es aber noch ein weiter Weg…

Gehen wir aber zuerst nochmals einen Schritt zurück. Da stehen wir nun mit unserer Schultüte und betreten die Pforten einer Institution, in der wir die nächsten 9 bis 12 Jahre dienen und lernen dürfen. Fast so wie in einem Tunnel betreten wir eine Dunkelheit und Ungewissheit wie nie zuvor. Stets den Blick nach vorne gerichtet, wo in weiter Ferne etwas Licht sichtbar wird. Stets folgen wir der einzigen Richtung nach vorne und hoffen das Ziel schnell zu erreichen. Wenn wir einmal nach hinten blicken wird uns sogleich klar gemacht, dass es nur ein Ziel gibt und das liegt vorne. Hoffnungen auf eine gute Zeit können die Sorgen unserer Eltern nicht gänzlich übertönen. Zu sehr hängt unsere vermeidliche Zukunft von unserem steten Bemühen nach einem guten Abschluss ab.

Nun endlich kommen wir am Ende des Tunnels an und Licht scheint wieder von allen Seiten auf uns. Dieses kurze Glück muss einfach gefeiert werden. Folgen wird doch in kurzer Zeit abermals einen neuen Pfad den viele vor uns bereits begingen und von Experten bis ins kleinste vor gedacht wurde. Abermals bemühen wir uns, dem Anspruch gerecht zu werden, den diese Experten als Messlatte vor gedacht haben. Abermals tun wir das alles in der Hoffnung auf ein sicheres und sorgenfreies Leben.

Unermüdlich kommen wir unserem Ziel immer näher und mit dem Erreichen eines Ziels kommt das nächste. Stets erreichen wir etwas mehr Sicherheit und Unabhängigkeit. Können an dem Konsumrausch teilnehmen und müssen keine Rechenschaft abliefern. Stets begleitet uns eine Angst, wieder zurück zu fallen. So sichern wir unser Erreichtes und schützen es vor allen anderen. Es ist unser Selbst, dass wir vor den anderen Schützen müssen. So wenden wir viel Zeit und Energie für unseren Selbstschutz auf.

Blicken wir dann doch einmal zurück, so ist dort wenig geblieben. Zu rastlos waren unsere Bemühungen, die Ziele zu erreichen. Zu wenig Zeit blieb, um den Augenblick zu genießen. Zu hoch bisher die Schlagzahl, um voran zu kommen. Oftmals erst durch ein äußeres Ereignis stellen wir uns irgendwann die Frage nach dem Sinn. Welchen Zweck verfolgen wir mit der stetigen Zielerreichung? Wozu leben wir? Was ist unsere Erfüllung?

Wir können nun die Spezialisten auf den Fachgebieten fragen. Der Wirtschaftswissenschaftler wird uns etwas von Arbeitsprozessen, von Produktivität und Fortschritt erzählen. Ein Geistlicher uns von der Suche nach Gott und der Wahrheit schlecht hin, erzählen. Jeder Experte wird auf seinem Gebiet den Zweck seines Lebens benennen. Mit der einen oder anderen Darstellung können sie sich auch identifizieren und machen so den Lebenszweck des Spezialisten zu ihrem.

Was aber fehlt ist die Suche nach seinem eigenen Ziel und Zweck fern ab der vorgezeichneten Wege und Ziele.

Es ist einfacher den vor gedachten Wegen zu folgen, gibt es doch zur Belohnung die Teilhabe an einem Leben in vermeidlicher Sicherheit und vorgegebenen Zweckhaftigkeit. Der Preis dafür ist aber, dass man sein Leben dann nicht lebt. Keine Spuren hinterlässt.

Gleichsam ist es nicht einfach den Systemzwängen zu entkommen, um eigene Spuren in noch nicht ausgetretenen Wegen zu hinterlassen. Es gibt auch keine Patentlösung für diesen Lebensweg – den gibt es nur scheinbar in der Systemwelt der vor gedachten Wege. Es gibt aber Mut und Kreativität, die uns solche Lebenswege finden und beschreiten lassen. Und selbst wenn dieser Lebensweg nicht die Reichtümer verspricht, wie die Positionen an der Spitze der Pyramide, so ist er doch sinnerfüllter als mancher Top-Job.

Ich habe in einem „Führungsgespräch“ vor ca. 15 Jahren meinen Chef-Chef gefragt, was ihn motiviert. Seine Antwort war „einzig und alleine das Geld“. Er selbst war lange genug Manager und ihm waren mehr als 10.000 Menschen unterstellt. Auch konnte er einen Ferrari sein eigen nennen und zwei Herzinfarkte. Ob eine oder zwei gescheiterte Ehe(n), kann ich nicht mehr sicher sagen…
Ich für meinen Fall fand mich bestärkt in dem Entschluss, das Unternehmen zu verlassen und bereue den Schritt nicht. Zu lange schon bin ich einem Ziel nach dem anderen hinterher gelaufen ohne mir die Frage zu stellen, was ich wirklich in meinem Leben will.

Geld und Konsum befriedigt nur äußerlich, vielleicht liegt darin auch der Grund, wieso man dieses Äußerliche so sehr vor den anderen schützen möchte. Durch diese Fassade kommt man aber nie zu der Frage, was man selbst vom Leben erwartet, geschweige denn zu einer befriedigenden Antwort. Man bleibt dann jedoch ein Schaf, dass gut behütet sein will – zumindest so lange, wie man für den Hirten einen Ertrag bringt…

Wenn die Zeit kommt, in der man könnte,
ist die vorüber, in der man kann.
(Marie von Ebner-Eschenbach)

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Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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