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Von Krisen, Kreisen und Greisen

Schnappfisch-7360Aller Orte hört man nur noch von Krisen. Die Vielzahl ist kaum noch überschaubar. Zuerst hat man uns mit einer Immobilienkrise aus dem Schlaf gerissen, dann diese zur Finanzkrise erhoben und jetzt auch noch zur Wirtschaftskrise. Die nächste Steigerung ist bereits im Portfolio und entzündet sich – nach (guter) alter Tradition – im Krieg.

Damit folgen wir aber nur einer vertrauten linearen Geschichte, die unserem Denken sehr entgegen kommt, aber mit der Wirklichkeit wahrlich wenig zu tun hat.

Um hier kurz die Krise bei Seite zu schieben, möchte ich den Blick zu der Quelle richten, die uns diesen Gestaltungsraum – in dem wir wirken – erst ermöglicht hat. Ich bezeichne diese Quelle gerne als die NATUR. Naturgesetze sind uns dabei so vertraut, dass wir sie nicht hinterfragen – wir glauben also implizit an eine Schöpferkraft, die über unserer Vorstellung liegt. Diese – wie gesagt von mir als NATUR bezeichnete – Kraft kennt keine linearen Abläufen (sog. Kausalketten). Alles ist mit jedem verbunden und hat Rückwirkungen in unvorstellbarem Ausmaß. Dabei sind uns die Prinzipien durchaus bekannt – sie widersprechen aber unserem (linearen) Denkmuster.

Um bei den Rückkopplungen zu bleiben: selbige besagen, dass das Ergebnis eines Prozesses gleichsam wieder Ausgangsbasis des gleichen Kreislaufes ist. Habe ich anfangs z.B. 1 EUR und investiere diesen mit dem Ergebnis, dass ich nach dem Ende der Investition dann 2 EUR habe, die ich wiederum zur Investition, diesmal aber mit 2 EUR, einsetzen kann, so könnte ich damit stets meinen Ertrag verdoppeln. Diese Wirkungsweise nennt man in der Kybernetik eine positive Rückkopplung. Ein anderes Beispiel wäre ein Katalysator, der gezielt in einen (Verbrennungs-)Prozess eingebracht, dessen Wirkungsgrad erhöht.
Neben dieser Art der positiven Rückkopplung gibt es auch die negative. Negative Rückkopplung entzieht dem Prozess „Energie“, so dass sich der Prozess langfristig stabilisieren kann. Schon am obigen Beispiel erkennt man, dass nach nur wenigen Durchläufen (sog. Iterationen) gar nicht die notwendige Geldmenge existiert. Zu diesem Beispiel gibt es auch eine Geschichte in Kombination mit Schach und Reis.

Eine Regel der Kybernetik besagt nun, dass langfristig die negative Rückkopplung über die der positiven dominieren muss.
Die Missachtung dieser Regel führt zuerst zu Störungen und dann zur Instabilität des Systems.

Dieser kurze Einschub muss genügen, um ein paar grundsätzliche Wirkungsweisen zu verstehen.

Es gibt bereits unzählige Beiträge, die logisch begründen, wieso es zu einer Finanz- oder Wirtschaftskrise kommt. Der kürzlich verstorbene Wilhelm Hankel hat hierzu unzählige Beiträge verfasst, so dass ich hier diese nicht weiter vertiefen möchte. Im Kern geht es jedoch um die Entkopplung von Kreisläufen, die in der Folge zu verstärkten (und unkontrollierten) positiven Rückkopplungen führen.

Vielmehr möchte ich den Blick hinter diese vermeidliche Kausalkette der Krisen lenken, da diese nur Ausdruck einer viel größeren Krise ist: einer Systemkrise.

Nach guter westlicher Tradition betrachten wir immer gerne die einzelne Krise isoliert und kümmern uns vorbildlich nur um dessen Aspekte – gleichsam wie wir Krankheiten nur an den Symptomen behandeln. Ist erst einmal der Schmerz weg, machen wir weiter wie gehabt. Wir kommen so von der Immobilienkrise zur Bankenkrise, von den Kopfschmerzen zu den Bauchschmerzen. Wieder beseitigen wir nur vordergründig die Schmerzen und ändern lediglich die Medikamentierung. Dabei entfernen wir uns nur weiter von den Ursachen. Die logische Folge ist dann fatal und könnte – um bei den beiden Beispielen zu bleiben – im Krieg bzw. Krebs enden.

Machen wir also eine Rolle Rückwärts und landen wir bei der Systemkrise. Eine Finanzkrise – so viel sei noch angemerkt – ist oft der Ausdruck einer zu Grunde liegenden Systemkrise.

Auch hier möchte ich kurz eine Begründung geben, da Sie auch im persönlichen Umfeld diese Signale nutzen können, um der Ursache auf den Grund zu kommen. Warum eine Finanzkrise eine ähnliche Aufgabe wie unser Schmerzzentrum hat, ist recht simpel. Seit über 2.000 Jahren haben wir das Geld als Messgröße unserer Gesellschaftssysteme etabliert. Alle Waren und Dienstleistungen, wie auch alles andere quantifizierbare können wir damit auf einen Wert reduzieren.

Das ist übrigens auch der Grund, wieso man Wissen zu Humankapital machen möchte, um es dann messbar in den Wirtschaftskreislauf zu integrieren. Es ist aber noch niemandem überzeugend gelungen, unser Wissen als mathematische Größe zu (er-)fassen.

Fehlt es nun an diesem Wert, den wir in Geld ausdrücken, so ist unsere zu Grunde liegende Strategie falsch. Dazu kann es viele Gründe geben. Entweder verbrauchen wir zu viel von dem Geld, ohne in gleichem Maße für neues zu sorgen, setzen die verfügbaren Mittel falsch ein, sind abhängig von wenigen Systemgrößen etc.

Unser Gesellschaftssystem sollte daher einer kritischen Betrachtung unterzogen werden und nicht die einzelnen (Folge-)Krisen. So würden wir Ursachenforschung betreiben und nicht Symptombekämpfung.

Die westliche (Werte-)Gemeinschaft, welche sich in der einen oder anderen Form dem Kapitalismus verschrieben hat, steht dabei vor der gleichen Systemkrise wie der Sozialismus bereits stand. Lediglich der Atem ist etwas länger, sonst hätten wir vermutlich ein umgekehrtes politisches Bild von Europa als das jetzige.

Keine Frage, unsere globalen Geld- und Finanzsysteme haben die Systemfehler sichtbar nach außen getragen. Durch die ungebremste positive Rückkopplung in dem System werden die Systemparameter (Geld bzw. Ressourcen) an die Systemgrenzen getrieben. Es ist dann nur noch eine Frage der Zeit, bis die Obergrenzen verschoben werden, dessen Ausdruck der (wie auch immer geführte) Krieg nach Rohstoffen ist. Diese Expansion (natürlicher) Grenzen geht aber immer zu Lasten anderer. In einem NATUR-System, das im Gleichgewicht ist, kann es auch gar nicht anders sein. Die Kreisläufe sind nur von unterschiedlicher Dimension und haben daher auch unterschiedliche Zeiten, bis sich dessen Wirkung offenbart.

So bleiben jetzt nur noch die Greise übrig, damit die Überschrift ebenfalls zu seinem Recht kommt. Die Altersarmut ist ein solcher Gradmesser, der uns ebenso zu erkennen gibt, wie weit wir bereits an die Systemgrenzen gekommen sind. Dabei ist diese Bevölkerungsschicht in einer besonders verzwickten Lage. Selbst wenn sie ihren finanziellen Engpass als Systemkrise erkennen, fehlen ihnen doch die Handlungsoptionen. Zu sehr ist unser gesamtes System in der Endphase auf Überleben eingestellt – besonders in dieser Phase gilt Charles Darwins übernommener Spruch:

Survival of the Fittest

Der Beitrag mag pessimistisch klingen, er ist jedoch nur eine logische Folge eines von Menschen gedachten Systems und jedes andere System, dass unserem Geist entspringt, wird früher oder später auch an Grenzen stoßen. Wir können durch diese Grenzerfahrungen aber stets dazu lernen und versuchen, es beim nächsten Mal etwas besser zu machen. Denn in jedem Neuanfang ist auch der Keim für etwas besseres.

Es liegt an jedem von uns, welche Erfahrungen wir aus diesem Kapitel der Menschheit in das nächste übernehmen.

Die Erfahrungen eines Menschen gleichen den Jahresringen eines Baumes.
Jedoch kann nur der Mensch sein Wachstum gestalten –
es machen nur so wenige Gebrauch davon.

Von Krisen, Kreisen und Greisen
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Ro!and
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<p>Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-)<br /> Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz „normal“.</p>
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