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Humankapital: der Preis des Menschen

Personen_freestyle2Der Begriff des Humankapitals ist bereits abgedroschen. Das entbindet aber nicht, einem Blick auf die Kapitalisierung des Menschen zu werfen, welche unaufhaltsam Gestalt anzunehmen scheint. Welcher Preis hat nun aber ein Mensch? Welches Humankapital stellt jeder von uns dar? Woran ist dieser Preis messbar?

Schauen wir uns um, so fällt es schwer, diese Fragen zu beantworten. Zu verschieden scheinen die Ansätze, zu unklar dessen Herleitung. Versuchen wir uns daher, dem Thema durch unterschiedliche Blickwinkel zu nähern.

Die derzeitige ProKopf-Verschuldung der Bundesrepublik Deutschland beträgt 27.000 EUR. Ist das eine brauchbare Größe, um das Humankapital zu quantifizieren? Wohl kaum, auch wenn wir der Presse entnehmen, dass Menschen bereits für wenige Euro ihr Leben lassen müssen oder nur, weil ein begehrliches Handy einen von Leben und Tod trennt – Gebrauchtwert vielleicht 100 EUR.

Was ist es dann, was das Humankapital auf einen Wert bringen könnte? Aufstrebende Internet-Firmen zeigen doch eindrucksvoll, das die (persönlichen) Daten der Kunden einen Wert darstellen. Facebook oder Twitter als Beispiele, werden fast ausschließlich an diesem Wert gemessen. Kann ich meinen Wert als Person also damit steigern, dass ich mich in möglichst vielen „sozialen“ Netzen anmelde und dort Daten hinterlasse? Werde ich damit Humankapital-Millionär? Wohl kaum, zu einseitig scheint die Betrachtungsweise der Betriebswirtschaft. Zu schnell ist das imaginäre Kapital plötzlich weg.

Ein Blick in die Tierwelt: Gebiete werden per Urin markiert und damit ein Machtanspruch für ein Territorium beansprucht, welches notfalls mit Gewalt eingefordert wird. Auch wir Menschen kennen diesen Territorialanspruch, den wir zu verteidigen wissen. Auf die Einzelperson herunter gebrochen zeigt uns das Grundbuch auf, welchen Wert wir in Grund und Boden für uns proklamieren dürfen. Hier scheint zumindest ein greifbarer Wert zu existieren, immerhin ist er Basis um bei einer Bank Geld zu erhalten. Ist das aber schon Humankapital?

Ein weiteres Beispiel aus dem Tierreich: um möglichst viel Macht zu erhalten, ist der (eigene) Nachwuchs von zentraler Bedeutung. Seine Gene möglichst weit zu streuen, also das Ziel. In Deutschland scheint bei der geringen Geburtsrate davon nichts greifbar zu sein, in anderen Ländern durchaus. In Indien, als ein exemplarisches Beispiel, scheint eine große Anzahl an Kindern eine Art Garantie zu sein, im Alter versorgt zu werden. Durchaus also eine messbare Größe. Dass es sich hier tatsächlich um eine Art des Humankapitals handeln könnte, belegt die Tatsache, dass der Fokus auf die männlichen Nachkommen gelegt werden, da diese aus gesellschaftlichen Gründen einen positiven Betrag erzielen, weibliche Nachkommen jedoch einen negativen (durch den Preis der Mitgift indiziert). Die ethisch-moralischen Aspekte möchte ich hier nicht weiter thematisieren, zu wenig kenne ich Land und Kultur.

Das Thema Ethik lässt sich aber auch zu uns nach Deutschland – und damit stellvertretende für den Westen – holen. Die UN-Menschenrechtscharta kennt hierzu die Würde und den Wert des Menschen, sowie das Gleichheitsprinzip von Mann und Frau als zentrale Werte. Diese Rechte haben auch Einzug in unser Grundgesetz erhalten, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen sogar als der erste Artikel. Selbstverständlich sind diese Menschenrechte mehr als eine Vision zu sehen, ein Ziel. Einklagbar im konkreten Fall sind sie mitunter nicht. Das entbindet uns aber nicht, ihrer ideellen Zielsetzung zu folgen – unser Handeln an diesen Werten auszurichten und Erreichtes täglich daran zu messen.

Aber tun wir das wirklich? Messen wir unser Tun an diesen Werten? Wie kommt es dann, dass wir ca. 30% unserer Nahrungsmittel tagtäglich wegwerfen und in anderen Ländern verhungern Menschen aufgrund fehlender Nahrung? Schon heute ist es möglich mindestens 10 Milliarden Menschen gut zu ernähren – mit effizienter Nutzung unserer Ressourcen und Vertriebsmöglichkeiten vielleicht auch 20 Milliarden. Aber warum schaffen wir es dann nicht einmal bei 7 Milliarden? Ist unsere westliche Welt nicht sogar darauf angewiesen, im Überschuss zu leben? Ist es nicht sogar ein Ziel unserer Wirtschaft stets mehr zu haben, als wir brauchen?

Die Firma Apple nutzt dies sehr gut für ihre Marketingziele aus. Denn im Umkehrschluss bedeutet Knappheit, dass ein Gut wertvoll ist – der Überschuss signalisiert einen geringen Preis. So sind die Nahrungsmittel im Überschuss nichts mehr Wert, das neue iPhone im Mangel aber 700 EUR. Essen kann man wahrlich nur das Lebensmittel, das iPhone ist ohne Infrastruktur nur ein nettes Spielzeug – auf einer einsamen Insel also ohne Wert. Wie verklärt unsere westliche Denkweise von Waren und Dienstleistungen ist, soll aber hier nicht weiter Thema sein, sollte aber zum Nachdenken anregen!

Wie aber sollen wir nun das Humankapital messen. Die indirekten Werte scheinen nicht besonders tauglich zu sein. Wie sieht es mit den „inneren“, sichtbaren Werten aus? Ein Organ wird zum Teil für 100.000 EUR gehandelt. Freilich erhält der Spender nicht diesen Betrag, aber lässt sich daran der Wert des Menschen messen? Ich möchte diesen Gedanken nicht weiter vertiefen, da mein Gedanke just in diesem Augenblick Bilder von unfreiwilligen Organspenden mir zeigt, dessen Opfer außer einer fehlenden Niere nichts weiter haben als ihr verbliebenes Leben. Würden wir daran den Wert des Menschen messen, so hat unser Leben mit den Menschenrechten nichts mehr gemein. Dass es so etwas gibt, zeigt aber, dass die Menschenrechte nur ideellen Wert haben, denn die unfreiwillige Spenderniere wird in Deutschland „gern“ genommen, rettet sie doch Leben – das sie auf der anderen Seite zerstört.

Bleiben noch die rationalen Werte, die es zu kapitalisieren gilt. Mit einer guten Bildung, so sagt man uns, stehen uns Tür und Tor offen. Längst gilt dies nicht mehr. Längst sind Akademiker genauso von Arbeitslosigkeit betroffen, wie alle anderen Gesellschaftsschichten auch. Dennoch kann Bildung einen hohen Wert erzielen. Tagessätze von 1.000 EUR und mehr sind keine Seltenheit mehr. Auf 250 Arbeitstage und 40 Arbeitsjahre gerechnet, wäre das eine Kapitalisierung von 10 Millionen. Der Preis dafür ist die geistige Prostitution. Dass man mit einer moralischen Prostitution einen noch höheren Wert erzielen kann, lasse ich in diesen Betrachtungen außen vor – Beispiele dazu finden Sie genügend, da bin ich mir sicher.

Es gäbe sicher noch viel mehr Möglichkeiten, sich dem Preis eines Menschen zu nähern. Erreichen können wir ihn wahrlich nicht – zumindest nicht als allgemeinen Preis des Menschen. Nur individuell als einen Schätzwert für genau einen Menschen. Worin der Sinn liegt, vermag ich nicht zu erkennen. Dazu hätte ich vielleicht doch Betriebswirtschaft als Hauptfach studieren sollen, denn im Nebenfach kann ich mich nicht an ein Fach „Sozialethik“ erinnern. Es scheint eh ein Bereich zu sein, der in der Betriebswirtschaft möglichst nicht behandelt wird – oder haben sich hier die Zeiten bereits geändert?

Vor kurzem hörte ich mir ein Hörbuch zum Thema Selbstbestimmung von Reinhard Sprenger mit dem Titel „Die Entscheidung liegt bei dir!: Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit“ an. Ich schätze die Gedanken von Reinhard Sprenger sehr und habe schon einige seiner Schriften gelesen – auch sind mir seine Herleitungen wohl bekannt. Jedoch bin ich mir nicht sicher, ob ich seine These, dass alles seinen Preis hat, uneingeschränkt folgen möchte. Seine Argumentation beruht darauf, dass wir alles mit einem Preis versehen (er meint dabei nicht unbedingt einen Preis in Euro) und die Möglichkeiten gegeneinander abwägen. Diese Argumentation ist anhand seiner Beispiele zwar schlüssig, vergisst aber, dass wir auch unterbewusst Entscheidungen treffen, welche sich einer rationalen Abwägung entziehen. So tun wir Dinge, die bei einer rationalen Abwägung anhand eines Preises einfach nur dämlich erscheinen, für unser Seelenheil aber durchaus nützlich sind. Auf dieses „Glatteis“ lässt sich Reinhard Sprenger freilich nicht ein, denn seine Beratungstätigkeit bei den TOP-100-Dax-Unternehmen würde bei solch esoterischem Gedankengut freilich leiden. Betriebswirtschaftliche Größen sind hier immer noch tonangebend.

Was bei mir als Zwischenfazit bleibt, ist der Eindruck, dass der Begriff des Humankapitals nicht mehr als eine Wunschvorstellung ist, die Welt noch weiter in das Korsett der Betriebswirtschaft (und Volkswirtschaft!) zu stecken. Vergessen dabei wird der Mensch – und den sollten wir auf einer solchen Reise tunlichst mitnehmen. Das der Zug längst abgefahren ist, die Fahrgäste aber zu großen Teilen noch am Bahnsteig stehen, sollte zumindest unseren Politikern auffallen. Denn so lässt sich eine Zukunft nur mit den paar wenigen, die auf den Zug gesprungen sind, nicht gestalten. Dabei bin ich mir gar nicht sicher, ob die, die im Zug sind, überhaupt wissen, wohin die Reise geht!

Vielleicht möchten Sie verehrte Leserschaft noch ein paar ihrer Gedanken beisteuern. Dann wird der Beitrag für uns alle bunter – und davon lebt doch gerade unsere Welt, statt in dem Einheitsgrau zu verblassen…

Was nützt es dem Menschen, wenn er Lesen und Schreiben gelernt hat,
aber das Denken anderen überlässt?
(Ernst R. Hauschka)

Humankapital: der Preis des Menschen
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<p>Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-)<br /> Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz „normal“.</p>
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6 Kommentare zu Humankapital: der Preis des Menschen

  1. Lieber Roland,

    Danke für den Perspektiven auf den Wert des Menschen. Ergänzen sollten wir noch das Ermessen an dem Gehalt, das Mensch für sein Wirken erhält. Allerdings ist es auch hier schwer zu erkennen, warum der Wert sich so darstellt (oder aber auch nicht), dass ein Mensch, der Menschen pflegt, oder Feuer löscht, am unteren der Einkommensskala zu finden ist, während ein sogenannter Top-Bänker allein durch Boni Millionen im Jahr erhält, wo er doch nur für die Vergrößerung der Geldblase gesorgt hat (es seinen nur noch 2-5% des Geldes durch) Werte dieser Erde gedeckt).

    Ich hatte vor einiger Zeit noch ein ganz anderes Thema entdeckt, wie sich der Wert eine Menschen ermitteln lässt, zumindest was die USA betrifft. Dort soll es so sein, dass mit der Abgabe des Geburtsurkunde, dieser Mensch ebenfalls an der Börse gehandelt wird. Jeder Börsenmakrler sei in der Lage, mit anhand der ID der Geburtsurkunde den aktuellen Wert nachzusehen. Der Wert einer solchen Schuldverschreibung solle bei über eine Million Dollar liegen.
    Deine Geburtsurkunde wurde in eine Schuldverschreibung umgewandelt… im Wert von Milliarden! . Interessant dazu ist der Begriff des Strohmanns, der hier näher erklärt wird:

    https://www.youtube.com/watch?v=SlLvZFHcaGo

    Dabei kommen wir mit nichts auf diese Welt und gehen mit nichts auch wieder fort …

    Viele Grüße
    Martin

    • Danke Martin. Es ist schon verwunderlich mit was für „kranken“ Gedanken wir uns hier beschäftigen müssen. Der, der Leistung für unser Fortbestehen erbringt, wird ausgebeutet. Der, der uns alle an den Rand der Existenz bringt, wird mit (finanziellem) Reichtum überschüttet.
      Jeder Glücksritter kann heute – wenn er den Zugang dazu hat – für 1 Milliarde auf einem Handelsplatz ein Gut erwerben, dass er eine Sekunde später auf einem anderen Handelsplatz mit 1% Gewinn vertickt. Gewinn in dieser Sekunde: 10 Millionen. Geld braucht er dazu nicht, Zugang zum System reicht. Reales Geld fließt erst ein paar Tage später – in dem Fall 10 Millionen in die Taschen. Woher aber kommen diese 10 Millionen? Was ist in dieser Sekunde an Waren als Gegenwert geschaffen oder hat diese 1-Sekunden-Dienstleistung einen Wert von 10 Millionen?!

      Die Geburts-ID als Schuldverschreibung ist eine weitere Ausgeburt, über die ich gar nicht nachdenken will. Ich hoffe, dass diese nur eine fixe Idee ist, von welchem Geist auch immer getrieben…

      LG Roland

    • Auf Facebook kam noch von Emanuel Kristof der folgende Kommentar:

      Bei Vergleichen mit der Tierwelt wird jedoch ein ganz ellementarer Unterschied außer acht gelassen, der auch wieder zeigt, dass bei uns im Grunde Alles irgendwie mit Geld oder Geldwert bemessen wird. Ständig wird behauptet, der Grund für viele Kinder bei einzelnen Völkern sei die Altersversorgung, im Tierreich haben nahezu alle Arten viel Nachwuchs, ja stellenweise millionenfach, und doch trennen sich Eltern und Kinder schon früh für immer. Viel Nachwuchs ist darum eher, die natürliche Überlebensstrategie eine Rasse, Art, Volk zu erhalten. Beim Mensch auch nur gilt das, über den Schutz (s)einer Rasse seines Volkes ja als tabu und politisch unkorrekt. Spricht es doch gegen die Gleichmachbemühungen hin zu funtionsoptimiertem Humankapital.

      • Danke Martin fürs Weiterleiten.
        Emanuel Kristof hat mit seiner Darstellung absolut recht. In der Tierwelt gilt die Fortpflanzung primär der Erhaltung der Art – möglichst genau jener der „Spender“. Löwen töten daher auch den Nachwuchs ihres Vorgängers.
        Ich wollte in dem Beitrag diesen Gedanken nicht weiter ausführen, da er sonst zu weit weg vom Thema lenkt. Das im Menschenreich gehörig etwas schief läuft, hat Emanuel K. so treffend dargestellt.

  2. Eine weitere Wertbertrachtung kommt noch von Michael Schmidt:

    Wenn ich mich nicht falsch erinnere, war der Wert aller chemischen Verbindungen, die in uns vorhanden sind, etwas bei 3 €. Sollte es da noch einen andern Wert für so was wie den Menschen geben – dann habe ich was verpasst. Andererseits ist der Mensch ein so wundervolles Geschöpf, das jede Preisberechnung eine Beleidigung darstellt, weil wie alles auf der Welt, auch wir, nicht bezahlbar, also auch nicht käuflich sind. Leider haben das Viele von uns vergessen ;-(

    • Andererseits ist der Mensch ein so wundervolles Geschöpf, das jede Preisberechnung eine Beleidigung darstellt, weil wie alles auf der Welt, auch wir, nicht bezahlbar, also auch nicht käuflich sind. Leider haben das Viele von uns vergessen ;-(

      Genau darauf wollte ich hinaus. Danke!

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