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Verzicht auf Fernseh-Übertragungen zur Fussball-WM

Gastbeitrag von Delphilo.

Fassungslosigkeit-8385Am Donnerstag geht es los. Die Fußball-WM beginnt. Zwar bemerkte ich schon, dass das Interesse diesmal deutlich geringer ist, als noch vor vier Jahren oder gar 2006, als die WM in Deutschland ausgerichtet wurde. Bis gestern war mir aber trotzdem klar, dass ich wieder viele Abende vor dem Fernseher sitzen würde. Mit Bier, Nüsschen und Chips. Mitfiebern werde, Partei ergreife für eine Mannschaft, auch wenn Deutschland nicht spielt. Ich dachte, ich würde diese Form von „Brot und Spiele“ wieder genießen. Wie immer, nur halt mit weniger Vorfreude. Doch damit ist es jetzt aus.

Seit der Fußball-EM 1984 in Frankreich bin ich Fußball-Fan. Nicht nur ein Fan der Nationalmannschaft. Auch in der Bundesliga gibt es einen Verein, den ich schon weit über 100 Mal live im Stadion gesehen habe, einmal sogar in einem UEFA-Cup-Auswärtsspiel. Heute sehe ich Fußball als „nicht wirklich wichtig“ an, aber große Turniere ziehen mich dennoch magisch an. Deshalb übernahm ich auch die Termine der deutschen Nationalmannschaft in meinen Terminkalender. Und jetzt das.

Die Berichterstattung über die Auswirkungen der WM auf große Teile der Bevölkerung in Brasilien, die in Favellas wohnen oder sich nichtmal dort eine Unterkunft leisten können, gibt es schon länger. Lange konnte ich es bei Seite schieben. Auf einer Nebenspur mitnehmen. Auf der Nebenspur „Die Welt ist ungerecht, aber was kann ich da schon machen.“ Warum es der heutige Bericht über die Proteste in Sao Paolo geschafft hat, mich erkennen zu lassen, dass ich durchaus was tun kann, das weiß ich nicht.

Es fällt mir so unheimlich schwer. Und doch gibt es keinen Weg zurück. Ich werde mir keines der Spiele ansehen. Schade, weil ich Fußball sehr mag. Schade, weil ich Fan der Nationalmannschaft bin. Ganz besonders schade, weil ich diese gemeinsamen Abende bei normalen Spielen (ohne unsere Nationalmannschaft) mit meinem Schwiegervater nun nicht haben werde. Und auch nicht die Abende mit der Großfamilie, an den Abenden, an denen die Nationalmannschaft spielt. Aber es geht nicht. Ich kann dieses System Fußball-Weltmeisterschaft nicht mehr mittragen, wenn dies für zehntausende Menschen bedeutet, dass Ihre „Unterkünfte“ mitsamt ihren Habseligkeiten platt gewalzt werden. Bei aller Fußballbegeisterung. Es geht nicht mehr.

Jetzt wünschte ich mir, viele andere würden eine ähnliche Entscheidung treffen. Ganz unabhängig von mir. Einfach, weil sie alle für sich zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen sind. Wenn viele – ich meine ganz viele – die Fußballübertragungen boykottieren würden, würde das dem System Fußball-Weltmeisterschaft die Mittel entziehen, einfach so weiter zu machen. Man stelle sich nur vor, die Einschaltquoten gingen weltweit zurück. Sie gingen zurück, weil hunderte Millionen Menschen aus Abscheu vor den Konsequenzen der Veranstaltung für die Bevölkerung vor Ort sich von der Veranstaltung abwenden. Die Werbeeinnahmen gingen zurück, die Sponsoren hätten weniger Profit, würden sich auch zurückziehen. Dem Monster würde die Puste ausgehen.

So weit wird es am Donnerstag nicht sein, wenn Brasilien im Eröffnungsspiel antritt. Vielleicht wird es stattdessen sogar neue Rekorde bei den Einschaltquoten geben. Aber ich bin nicht dabei. Diesmal nicht. Und Du? Kannst Du ruhigen Gewissens vor dem Fernseher sitzen und damit die Entscheidung der Sponsoren bestätigen, dass diese viel Geld für die WM zur Verfügung gestellt haben? Geld, das nur wenigen zu Gute kommt. Geld mit dem die Sicherheitskräfte und die Baufirmen bezahlt werden, die die Unterkünfte von zehntausenden Menschen in Brasilien platt walzen. Ich kann es nicht. Mir würden die Nüsschen und die Chips im Halse stecken bleiben, wenn ich an die Situation der vielen Brasilianer denken würde, während auf dem Bildschirm mein Lieblingssport läuft. Also entscheide ich mich, mir kein Spiel anzusehen.

Weitere Beiträge von Delphilo gibt es auf seinem Blog.

An dieser Stelle möchte ich auf einen Beitrag von Martin aufmerksam machen, der sich auch mit dem Scheinbild der Fussball-WM auseinandersetzt. Den Beitrag gibt es hier zu lesen.

Mit selbst fehlen momentan die Worte, die aktuelle Situation im WM-Trauma in einem Beitrag zu fassen. Wenn ich wieder die passenden Worte finde, werde ich mich gerne äußern. Bis dahin kann ich nur anbieten, in den älterenen Beiträge zu stöbern.

Verzicht auf Fernseh-Übertragungen zur Fussball-WM
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Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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5 Kommentare zu Verzicht auf Fernseh-Übertragungen zur Fussball-WM

  1. Ich probiere es auch, soweit wie möglich mich daraus zu halten. Und wenn ich mir ein Spiel angucke, werde ich alle 10 min 20 Liegestützen machen. Ist praktisch, den die Uhr ist permanent auf dem Bildschirm zu sehen. Man ist nicht wirklich am Spiel gefesselt und man macht was für seinen Körper und fühlt sich nach dem Spiel nicht mies. 🙂

  2. Mir hat es schon gereicht wo ich gehört habe dass die deutschen Spieler Extra-Luxusunterkünfte brauchen. Seitdem ist es für mich finito

  3. Ich war nie ein großer Fußballfan, habe mich aber auch von den großen Tunieren mitreißen lassen. Schon vorher hatte ich Zweifel an der WM und anderen Großveranstaltungen für die Millarden auf den Kopf gehauen werden und anschließend die Arbeitslosigkeit und extra gebaute Stadien und Hallen verkommen, weil sie zu teuer werden und so auch noch immer wertvoller werdender Wohnraum verkommt.

    Diese WM werde ich in keinster Weise unterstützen. Aber ich will niemanden den Spaß verderben, nur zum nachdenken anregen.
    Es ist schön, dass einige das genauso sehen.

    • Das Problem dieser „Prachtbauten“ danach ist meist der kostspielige Unterhalt, welcher dann von der Kommune getragen werden muss. Die FIFA hat sich dann schon längst zurückgezogen und auch die Investoren sind dann weg.
      Wer braucht nach der WM diese Statussymbole überhaupt und wie angemessen sind diese dann in einem Land voller Armut?!

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