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Die Macht des Gehorsams

ErstauntUnsere Gesellschaft ist durchzogen von Regeln. Einige dieser Regeln regeln unser Miteinander, viele jedoch regeln unsere Unterwerfung. Es sind die vermeidlichen Regeln im Gewand des Gehorsams. Sie erzwingen eine Unterwerfung ohne Reflektionsmöglichkeit. Die Regeln werden zum reinen Machtinstrument. Wird der Hebel früh genug in unserer Kindheit angesetzt, so ist eine Loslösung von dem Zwang kaum noch aus sich selbst heraus möglich. Dieser Beitrag möchte eine (Wahrnehmungs-)Tür öffnen, damit eine (Selbst-)Heilung gelingen kann und sich das entfalten kann, was den einzelnen Menschen ausmacht, ihn einzigartig macht.

Regeln, welche nicht mehr zeitgemäß sind.

Ich möchte mit einem eigenen Erlebnis beginnen, welches uns auf die Reise des Gehorsams bringt und alle Facetten gleichermaßen sichtbar macht. In meinen jungen Jahren galt zuhause das Gebot, gemeinsam zu essen. Das individuelle Bedürfnis nach Nahrung wurde auf ein enges Zeitfenster reduziert. Hatte man erst später Hunger, so kam die Antwort: „Die Küche hat geschlossen.“ Eine zweite Regel kam hinzu: „Was auf dem Teller ist, wird gegessen.“ Nun weiß ich von meinen eigenen Kindern, dass diese im Augenblick leben. In diesem Augenblick mag der Hunger also noch größer sein, als in 30 Minuten und so kommt es zwangsweise dazu, dass die Portionen größer sind, als der Hunger. Besonders pikant wird diese Regel, wenn man geschöpft bekommt.

Kurzum ich verbrachte einen Großteil meiner Nachmittagsspielzeit am Mittagstisch vor einem halb-vollen Teller nunmehr kalter Speisen. Mein Vater war längst wieder zur Arbeit gefahren und so saß meine Mutter in der Küche und hatte den Auftrag zu kontrollieren, dass ich nicht aufstehe, bevor der Teller leer ist. Irgendwann einmal bildete sich bei mir eine „Unverträglichkeit“ von Zwiebeln heraus, da meine Mutter sehr viele Speisen damit zubereitete. Diese „Unverträglichkeit“ zeigte bei Einnahme selbiger, auch in kleinster Menge, seine Wirkung – mir wurde kotzübel, an weiter essen nicht mehr zu denken. Meine restliche Zeit zuhause bei meinen Eltern hatte ich diese Zwiebel-Unverträglichkeit. Kaum war ich von zuhause weg bei der Bundeswehr, war auch diese Unverträglichkeit verflogen – heute kann ich Zwiebeln am Stück sogar roh essen. Für meinen Vater war die Sache klar: die Bundeswehr hat endlich die nötige Härte gezeigt und mir beigebracht, dass alles gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

Hätte ich nicht innerlich eine Lösung für mich gefunden, aus dieser Abhängigkeit herauszukommen – und mit ca. fünf Jahren sind die Möglichkeiten sehr begrenzt – wäre ich vielleicht aus heutiger Sicht ein konformes Mitglied unserer Gesellschaft. Würde morgens in die Fabrik gehen und abends mit Bier, Fußball und Fernsehen den Abend ausklingen lassen. Vielleicht – was sehr viel wahrscheinlicher ist – wäre ich jedoch eher mit 40 Jahren durch ein Krebsleiden aus der Bahn geworfen worden, wohin ich auch immer dann geflogen wäre…

Was will ich mit diesem (persönlichen) Beispiel sagen? Will ich meinen Vater hier in die sprichwörtliche Pfanne hauen? Nein, ganz und gar nicht. Es geht mir um Klarheit um die nicht sichtbaren Prozesse, welche ich überwunden habe.

Was ist also passiert? Mein Vater hat als Kind den 2. WK erlebt und musste mit wenig Nahrung über die Runden kommen. Man hat ihm (vermutlich) deutlich gemacht, dass er alles essen müsse, was irgendwie essbar war. So waren Kartoffeln das Hauptnahrungsmittel. Dieses „Verhaltensmuster“ hat er an uns Kinder weiter gegeben in der Hoffnung, dass wir es damit einfacher haben.
Was er jedoch nicht gemacht hat war, zu reflektieren, ob dieses Verhaltensmuster noch zeitgemäß war. Ob wir in den 70gern, 80gern und 90gern noch diesen Mangel durchleben. Statt der Doktrin „alles was auf dem Teller ist, wird gegessen“ wäre ein achtsamer Umgang mit Nahrung sinnvoll. Statt sich die Kalorien reinzustopfen (das Mittagessen dauerte i.d.R. keine 10 Minuten) wäre es hilfreich, qualitativ hochwertigere Nahrungsmittel zu verwenden, dafür aber weniger. (Vollkorn-)Dinkelmehl statt (Auszugs-)Weizen oder gar Quinoa. Dazu kam es aber nicht und damit auch zu keiner Transformation der Kindheitserlebnisse hin zu einer Haltung eines Erwachsenen. Die Erfahrung blieb in der Kindheit stecken.

Das Beispiel zeigt auf vielen Ebenen, welche Macht der Gehorsam in Kindheitstagen zutage fördert. Ich hoffe, es ist transparent genug, damit jeder auf seine eigene Kindheit schauen kann.

Zweidrittel der Menschen sind gehorsam!

Welche Ausmaße das Phänomen des Gehorsams hat – und ich meine nun nicht die Regeln, die uns als Gesellschaft zusammenhalten, sondern die, die uns unterwerfen – kann man sich kaum vorstellen. In der Aufbereitung der Nazi-Zeit kam man zu dem Schluss, dass nahezu ganz Deutschland sich dem Diktat des Führers – anders gesagt, dem Gehorsam des Führers – unterwarfen. Erst Stanley Milgram ist es 1961 zu verdanken, dass Gehorsam nicht ein Exklusivrecht der Nazis war, sondern auch in Demokratien etwa 2/3 der Bevölkerung davon betroffen sind. Dabei hat er auch die Wirkmechanismen entdeckt, welche zu einem bedingungslosen Gehorsam führen. Das Experiment wurde in den 60gern und 70gern auf der ganzen Welt wiederholt. Das Ergebnis ist niederschmetternd. Überall auf der Welt fügten sich etwa 2/3 der Menschen dem Gehorsam, egal welcher Religion, Bildung, Geschlecht etc. sie angehörten!

Gehorsam ist ein globales Problem!

Der Zwang zum Gehorsam führt dazu, dass die Menschen ihre Pflichten erfüllen, jedoch nicht, dass sie Verantwortung übernehmen. Wird ihnen von einer Autorität gesagt, was zu tun ist, so machen sie es. Kommt es zu besonderen Vorfällen, bei denen eigen-verantwortliches Handeln nötig ist, so schauen sie weg, übersehen es, nehmen es gar nicht wahr. Der Reaktorunfall von Fukushima ist ein Beispiel, welche Handlungsmöglichkeiten noch bleiben, wenn alle Menschen nur ihre Pflicht erfüllen und keiner mehr Verantwortung übernehmen kann, weil er nicht gelernt hat, es zu können!

Dieser Zwang zum Gehorsam raubt den Menschen ihre Identität. Sie werden Kopien. Nichts anderes drückt Arno Gruen aus, wenn er sagt:

Wir sind als Originale geboren, wir sterben als Kopie!

Dieser Identitätsraub als Folge der Konditionierung bleibt aber nicht ohne Folgen, denn das Streben des Menschen ist die Entfaltung seiner Selbst. Wird diese unterdrückt so rebellieren wir in uns. Diese Rebellion richtet sich dann jedoch nicht gegen unseren Peiniger, sondern sucht sich neue Opfer – z.B. der kleinere Bruder oder die kleinere Schwester in der Familie. Das vermeidliche Opfer wird dann selbst zum Täter, erkennt das jedoch nicht selbst, da es in dieser Rolle gefangen ist. Dies erklärt, wieso eine solch große Zahl in unserer Gesellschaft der Macht des Gehorsams sich fügen. Ist kein unmittelbares Opfer greifbar, so richtet sich der Hass gegen Minderheiten in der Gesellschaft. Ob dies nun „die Juden“, „der faule Grieche“, „der Moslem“ ist, ist einerlei. Der Hass des Fremden ist immer der Hass auf das Eigene, das unterdrückte Selbst, dass man aus Gehorsam aufgeben musste.

Wie gut dieser Prozess des Gehorsams wirkt, ist uns nicht erst seit dem Stockholm-Syndrom bekannt. Aus den Aufzeichnungen des Jesuiten-Pater Lejeune des Winters 1632/33 wissen wir, wie dieser in der Nähe von Quebec in Kanada die dort lebenden Montagnais-Maskapis-Indianern die Lehren und Gebote des Christentums predigte. Die von ihm bekehrten Indianern begannen sofort nach Opfern zu suchen, um diese bestrafen zu können. So berichtet Lejeune von einem Indianer, der „mehr vom Beten hielt als vom Leben selbst und der lieber sterben wollte, als es aufzugeben.“ Er schreibt von Kindern, die riefen: „Wir bestrafen die Ungehorsamen!“ Das ist auch der Grund, wieso es Kindersoldaten gibt. Bei Kindern ist es noch ein leichtes, die Moral zu unterdrücken, so dass diese willenlos und fanatisch töten.

Der Weg aus der Macht des Gehorsams ist nicht einfach. Es gibt viele Menschen, die bei dem Versuch zerbrochen sind. Arno Gruen schildert in seinem Buch „Wider den Gehorsam“ einen Fall, bei dem ein Kind seinen Hund töten sollte. Der Vater ließ das Kind mit einer Schaufel das Grab ausheben und gab dem Kind dann die Pistole mit der Aufforderung, nun ihren Hund zu töten um zu lernen, was es heißt gehorsam zu sein. Das Kind richtete die Waffe gegen sich und drückte ab. In der akuten Situation gibt es kaum Möglichkeiten auszubrechen. Meine Methode mit den Zwiebeln kann ich nur wärmstens empfehlen, bewahrte diese doch einen kleinen Bereich des eigenen Willens. Bulimie scheint daher eher ein (sichtbares) Anzeichen zu sein: Eltern können anhand solchen Verhaltens ihrer Kinder ihre eigene Rolle und den Zwang hinterfragen. Ist es noch zeitgemäß, dass ich diese Regel an meine Kinder weitergebe?

Hat man sich ein eigenes Leben aufgebaut, so braucht es Mut und viel Herz sich zu öffnen. Ein offenes Denken unterstützt diesen Prozess. Ist der Teufelskreis erst einmal durchbrochen, so verschwindet auch die Abhängigkeit. Selbst wenn die Macht über einem noch ausgeübt wird, welche den Gehorsam zum Preis hat, so gibt es viele Alternativen sich davon zu befreien. Geld ist nicht zum Essen da. Wenn Geld aber das Mittel ist, sich den Gehorsam auch in späterer Zeit zu erkaufen, so sollte man darüber nachdenken, ob ein Leben auch mit weniger – oder gar ohne – Geld möglich ist. Wenn die Angst dabei auf der Strecke bleibt, dann sind Sie auf einem guten Weg mit dem Ziel, eines verantwortungsvollen und achtsamen Lebens!

Wenn ich bin, was ich bin, weil du bist, was du bist,
und wenn du bist, was du bist, weil ich bin, was ich bin,
dann bin ich nicht ich, und du bist nicht du.
Wer sind ich und du dann?

Die Macht des Gehorsams
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Auf den Punkt zu bringen, wer man ist, fällt weitaus schwerer, als andere in eine Schublade zu stecken ;-) Im Kern bin ich freiheitsliebend, querdenkend und gerne auch mal (benimm-)regelverstoßend. Ansonsten ganz "normal".
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27 Kommentare zu Die Macht des Gehorsams

  1. Ich halte es für eine maßlose Untertreibung, daß 2/3 der Menschen gehorsam seien. M.E. sind es wenigstens 90%!

    • Die letzten belastbaren Zahlen sind ja aus dem Milgram-Experiment aus den 70gern. Da waren es noch ca. 2/3. Gut möglich, dass die Minderheit heute sich hinter einstelligen Prozentzahlen „verstecken“ muss.

      Glücklicherweise gibt es ein große Bandbreite beim Gehorsam. Diejenigen, die einen anderen Menschen auf Befehl einer Autorität bis zum Tod bringen würden, sind 65% der Menschen (wenn kein direkter Kontakt besteht, bei Berühungsnähe sinkt dieser Anteil auf 30%). Aber Gehorsam fängt ja nicht da an, wo blinder Gehorsam aufhört. Daher stimmt Ihre Annahme wohl und ich sollte die Zahl noch etwas präzisieren. Es sind also „nur“ etwa 2/3 blind Gehorsam, was dazu führt, dass eine entsprechende Autorität vorausgesetzt, ein anderes Menschenleben nichts mehr zählt.

  2. Gehorsam ist für mich durchweg negativ besetzt. Das mag an meiner Persönlichkeit liegen. Ich habe mich schon als Kind dagegen aufgelehnt. Regeln die ein harmonisches Zusammenleben einer Gemeinschaft ermöglichen, sind etwas anderes. Das hast Du ja selbst schon differenziert. Diese lassen sich auch leicht argumentieren.

    Die Möglichkeit des selbstständigen Denken, Hinterfragen, Reflektieren steht im Widerspruch zu Gehorsam. Wenn mich etwas überzeugt, dann handle ich aus Überzeugung und nicht aus Gehorsam.

    Gehorsam zu fordern steht im Widerspruch zur Liebe, die uns die Freiheit lässt selbst zu entscheiden. Aber selbst zu entscheiden setzt Mut voraus. Der Mensch neigt dazu es vorzuziehen andere über sein Leben entscheiden zu lassen, weil er die Verantwortung scheut. Es ist sehr viel bequemer andere für sein Handeln verantwortlich zu machen: „Ich habe ja nur getan was mir gesagt wurde, so ist unsere Gesellschaft eben aufgebaut – oder Unterlassung: das geht mich nichts an.“

    Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medaille, die ich bei Eltern manchmal beobachte. Freiheit kann auch zur Überforderung werden. Kinder die das Zusammenspiel von Ich-Rechten, Du-Rechten und Wir-Rechten erst noch lernen dürfen, brauchen einen vertrauten Rahmen bei denen ihre eigenen Grenzen gesehen werden. Ein Kind zu bitten dass es um eine bestimmte Uhrzeit ins Bett geht, ist richtig, wenn aber partout keine Reaktion darauf erfolgt, dann ist der Erwachsene gefordert stellvertretend eine Entscheidung zu fällen, auch gegen den Willen des Kindes. Das ist die Verantwortung von Eltern und das hat mehr mit Liebe zu tun, als dem Willen des Kindes zu entsprechen. Das Kind mag es in diesem Moment anders empfinden, aber wenn das Urvertrauen intakt ist, wird es „gehorsam“ sein, nicht aus Überzeugung und auch nicht freiwillig, aber es wird keinen größeren Schaden davon tragen, weil es sich tief innen geliebt weiß. Und diese Überzeugung hilft die „blöden“ Entscheidungen von Eltern anzunehmen.

    Kinder können schon früh erkennen ob von ihnen etwas gefordert wird, weil der Erwachsene es für richtig hält, selbst wenn es anderer Ansicht ist oder ob es schikaniert wird. Von einem Kind zu erwarten dass es sein Haustier erschießt, da bricht natürlich jedes Urvertrauen in Sekunden, sehr wahrscheinlich unwiederbringlich,zusammen.

    Ich möchte aber auch noch auf etwas anderes hinaus. Selbstverständlich nehmen wir viele Verhaltensmuster aus unserer Kindheit mit, aber manchmal wird mir darauf zu sehr der Fokus gelegt. Als erwachsener Mensch habe ich die Voraussetzungen selbst zu entscheiden wem ich gegenüber gehorsam sein will. Wenn ich mich dem Gehorsam unterwerfe, dann brauche ich mich nicht darüber wundern, dass er an Macht gewinnt, die Mechanismen und Auswirkungen hast Du gut beschrieben, so ist es in beinahe allen Bereichen des Lebens. Unterwerfe ich mich der Angst, anstatt mich ihr zu stellen, wird sie Macht über mich gewinnen und am meisten Macht hat sie, wenn ich die Angst soweit verdrängt habe, dass ich sie nicht mehr spüre.

    Ich hatte die miesesten Voraussetzung von meiner Kindheit aus betrachtet, aber wenn man sich das selbstständige Denken nicht nehmen lässt, dann kann man sehr viel für sich erreichen und ist falschen Verhaltensmuster nicht auf ewig „ausgeliefert“. Wenn wir uns dahingehend gegenseitig unterstützen und Hilfe annehmen, dann können wir auch Altes aus der Kindheit ablegen und Neues erschaffen.

    Übrigens empfehle ich voller Überzeugung den Film von Erwin Wagenhofer: ALPHABET. Ich finde unser Schulsystem nämlich ziemlich kinderfeindlich und das Frühe Aufstehen aus der Perspektive von natürlichen Zeitabläufen als völligen Quatsch. Aber damit beginnt es schon: „das sinnlose Gehorsam fordern.“ Von Kleinkind an…

    Der Mensch sollte frei werden wollen, selbst in einem aufgezwungenem Konstrukt von Unfreiheiten. Gehorsam hat sehr viel mit unterdrückter Angst zu tun.

    • Was Du schreibst Ines ist richtig, als Erwachsener kann man sein Leben selbst bestimmen. Davor steht aber die Erkenntnis, dass das bisherige Leben ein fremdbestimmtes Leben war. Diesen Schluss machen jedoch die wenigsten. Der Großteil leugnet, dass er in vorauseilendem Gehorsam ins Verderben rennt.

      Alphabet der Film war auch für mich ein Aufbruch. Nach einem Beitrag zum Film habe ich mich hin gesetzt und aus meiner Erfahrung heraus Schule „neu erfunden“. Das Ergebnis war die Schule-des-Werdens.

      • „Davor steht aber die Erkenntnis, dass das bisherige Leben ein fremdbestimmtes Leben war. Diesen Schluss machen jedoch die wenigsten.“
        Ja, das ist so und empfinde ich als bedenklich. Aber solange es Menschen gibt, die reflektieren, auch sich selbst, neue Ideen einbringen und beginnen sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten umzusetzen, habe ich Hoffnung. 😉
        Es gibt keine Altersgrenze für Dazu-Lernen, auch über sich selbst und spontan fällt mir der Refrain eines Liedes ein:
        Ins Wasser fällt ein Stein,
        ganz heimlich, still und leise;
        und ist er noch so klein,
        er zieht doch weite Kreise.
        In diesem Sinne glaube ich fest daran, dass Veränderung möglich ist, aber sie beginnt bei einem selbst. Ja, ich weiß, alles bekannt, aber deshalb nicht weniger wahr. 🙂

        • Ja, es sind die (verstandesmäßig) einfachsten Dinge, die uns am schwersten fallen. Unser Verstand hat schon längst gelernt zu lernen, er macht das – wie die moderne Wissenschaft belegt – bis zum letzten Atemzug. Wo wir aber noch Lernbedarf haben ist bei der „Schicht“ darunter, das was nicht der Verstand steuert. Ob man das nun Emotionales-Gedächtnis, Unterbewusstsein etc. nennen mag, sind nur Begrifflichkeiten. Hier gilt es den Hebel anzusetzen und den kann man nur selbst richtig platzieren. Auch ein Psychologe kann einem nur an die Hand nehmen und ein Stück des Weges begleiten, gehen muss man diesen Weg selbst.
          In ganz selten Fällen trifft man einen Partner, der ein Stück des Weges mit einem geht. Das ist ein Geschenk, dass man nur dankbar annehmen kann. Meine Kinder sind solche Partner, meine Frau auch immer mehr 🙂

          • Dem ist nichts hinzuzufügen. 🙂 Es freut mich für Dich, dass Du dazu noch dieses private Glück für Dich gefunden hast.

          • Gefunden ist der falsche Begriff. Ich entdecke es jeden Tag aufs Neue. Es ist das Prinzip des Wachstums, welches nur durch Bewegung gelingen kann. Bleibt man stehen, weil man der vermeidlichen Ansicht verfällt, etwas gefunden zu haben, so ist es in diesem Augenblick schon wieder weg. Nimmt man es als Geschenk und belässt es so, wie es ist, dann kann man einen Teil des Weges gemeinsam gehen. Bei Kindern ist es wundervoll mit anzusehen, wie fantastisch das funktioniert. Von Gerald Hüther gibt es dazu einige interessante Videos auf yt. Bei Erwachsenen ist es leider etwas schwieriger, zu viele Zwiebelschichten sind schon vorhanden – zu viele Masken und Eitelkeiten. Fallen diese aber in einem geschützten Raum des Vertrauens, so kann auch diese Maske fallen und es kann etwas wunderbares wachsen. Dazu müssen aber beide bereit sein. Achtsamkeit ist übrigens der Schlüssel dazu, aber da ist Lienhard Valentin der Experte und ich Lernling 🙂

            Ich habe dazu mal eine Geschichte geschrieben: über die Liebe…

          • Ja, Roland, bei „gefunden“ hatte ich tatsächlich selbst gezögert, aber mir fiel in diesem Moment kein besseres Wort ein. Deine Geschichte habe ich gelesen, sehr anschaulich und richtig, da gibt es keinen Widerspruch von meiner Seite, allerdings hier widerspreche ich:

            „Bleibt man stehen, weil man der vermeidlichen Ansicht verfällt, etwas gefunden zu haben, so ist es in diesem Augenblick schon wieder weg. Nimmt man es als Geschenk und belässt es so, wie es ist, dann kann man einen Teil des Weges gemeinsam gehen.“

            1. Bedeutet etwas gefunden zu haben, noch lange nicht Stillstand. Diese Schlussfolgerung teile ich nicht. Ich habe gefunden, ich habe Freunde und inneren Frieden gefunden, deshalb bleibe ich doch nicht stehen? Es gibt unendlich viel zu entdecken, weitere Freunde.. Nur weil man das eine hat, bedeutet doch nicht, dass man nicht weitergeht? Und ich weiß auch nicht wie Du darauf kommst, dass sobald man etwas gefunden hat, es dann schon wieder weg ist? Mein Friede ist mir nicht abhanden gekommen, in den schlimmsten Zeiten nicht.
            2. Sehe ich keinen Widerspruch darin etwas oder Jemanden „gefunden“ zu haben und es oder die Person als Geschenk zu betrachten. Manchmal findet man aber auch einen faulen Apfel. Auf dieses Geschenk kann man dann gut und gerne verzichten. 😉
            Jetzt noch zu dem, bei dem wir einer Meinung sind:
            „Bei Erwachsenen ist es leider etwas schwieriger, zu viele Zwiebelschichten sind schon vorhanden – zu viele Masken und Eitelkeiten. Fallen diese aber in einem geschützten Raum des Vertrauens, so kann auch diese Maske fallen und es kann etwas wunderbares wachsen. Dazu müssen aber beide bereit sein. Achtsamkeit ist übrigens der Schlüssel dazu..“
            Unterschreibe ich uneingeschränkt. Es reicht die Verweigerung einer Person, etwas nicht gelingen zu lassen. Achtsamkeit ist der aktive Ausdruck von Wertschätzung.

          • Zu 1. Japp, da war ich zu sehr in dem Bild mit dem Schmetterling/Falter „gefangen“. Die Kausalität zwischen Gefunden und Stillstand existiert nicht, es ist lediglich eine Korrelation. Auch das es zwangsweise wieder weg ist, ist dem gleichen (Kurz-)Schluss geschuldet. Meine bisherige Erfahrung war leider so, dass wenn ich etwas festhalten wollte, es sogleich wieder weg war. Daher das einseitige Bild.

            Zu 2. Oje, da hast Du Recht. Ich habe manchmal das Gefühl ich ziehe faule Äpfel magisch an. Aber ich werde immer besser in meiner Obstkenntnis. Seltsamerweise war mein erstes Bauchgefühl fast immer richtig. Ich habe nur zu selten darauf gehört und mich lieber vom Verstand einlullen lassen.

  3. in welchem elfenbeinturm lebt ihr den ihr glücklichen – also ich lebe in einer gesellschaft mit überwiegend rechtsgerichteten gedankengut und dort ist es wieder cool geworden zu gehorchen – wohingegen alles was unter dem freiheitsbegriff der 68er fällt als verweichlichstes undeutsches gutmenschentum verachtet wird und selbst die ganz unten in der sozialen hierarchie stehenden blicken mit der größten verachtung und hass auf die aussteiger/obdachlosen dieser gesellschaft – bitte keine zusätzlichen nebelkerzen – wir brauchen eine klare und deutliche anklage gegen die wiedereinführung der nazimentalität durch bertelsmann und co

    • Ja es ist weit gekommen in unserem Land. Wird sich Geschichte nun abermals Wiederholen oder sind wir bereit, in der Evolution eine Stufe weiter zu kommen?

      • Evolution? Eine Geistige vielleicht.
        Ich finde das hängt viel eher davon ab ob man diese Kreisläufe durchbrechen kann und das kann Generationen dauern (hat ja auch seine Geschichte).

        Wenn das Opfer nicht vollständig kompromittiert wurde (Systemkompartimente vollständig dissoziiert) kennt es die Bedrohung für das Selbst und identifiziert Verursacher/negiert diese um zu überleben.
        Viel Spass mit einem inneren Krieger der jemand als existenzielle Bedrohung identifiziert hat und alle je erlebte Angst in Wut, Zorn und rasenden Hass transformiert.
        Leider ist unter diesen Bedingungen die Fähigkeit zur Reflektion stark eingeschränkt, wodurch es immer wieder die falschen erwischt zB. der ein oder andere Lehrer/Schüler ins Gras beißt.

        Unter bestimmten Bedingungen lässt sich jemand (sogar Massen) in diesem Zustand (Projektion übertüncht Realität) auch bequem steuern, nicht umsonst wurden so viele im Namen der „Freiheit“ massakriert… Um später in der nächsten Diktatur auf zu wachen.
        Der Introjekt bleibt ja teilweise existent /Anschlussfähig, also ist es wahrscheinlich das es in diese Richtung weiter geht/gehen kann. An der Stelle müssen in diesem Fall Alternativen her.

        Evolution statt Revolution passt, auch wenn die Selektion zwischen Beziehungssystemen statt finden muss (nicht Menschen, das klappt nicht, nja, vielleicht Psychopathen rauskanten).

        • Wir haben mittlerweile (in der Breite) Zugang zu Wissen, von dem haben Generationen vor uns nur geträumt (es sei denn, sie gehörten dem Adel oder Klerus an). Ob es die Beobachtungen der „Psychologie der Massen“ von Gustave Le Bon sind oder andere Mensch-Erkenntnisse. Alle Instrumente können destruktiv oder konstruktiv verwendet werden. Es liegt an uns, die Erkenntnisse zum Positiven zu nutzen um den heutigen Wurm „Mensch“ zu transformieren, damit er einmal der Schmetterling von morgen wird.

          • Das finde ich zu oberflächlich.
            Le Bon war Angehöriger einer Elite, genauso wie Freud oder Bernay. Die daraus resultierenden Perspektiven die mit diesem Wissen transportiert werden können durchaus zum Problem werden, wenn sie nicht Reflektiert werden.
            (und es gibt genug die mal drauf los ferkeln ohne nach zu denken)

            Die Information ist da, das Wissen muss oft noch destilliert werden. In seiner Vielschichtigkeit gleicht es DNA bei der man vorher nicht weiß ob das Resultat ein Schmetterling wird oder dem Lindwurm nur Flügel verpasst werden.

          • Im Detail ergeben sich sicherlich einige Fragestellungen, welche Wissen zur Information machen, da der passende Kontext fehlt. Gewiss gibt es auch Fragmente, welche nicht einfach so angewendet werden können, ohne die passende Übung. Aus dieser Sichtweise bleibt es oberflächlich, gewiss. Es geht aber darum sich die Gedanken zu eigen zu machen und die Kluft zu überbrücken. Hier empfinde ich es sehr wohl als Privileg unserer Zeit, (nahezu) unbegrenzten Zugang zu diesen Fragmenten zu haben.
            Ich merke immer wieder in Gesprächen mit anderen Bloggern wie deckungsgleich unsere Wahrnehmungen doch sind, obwohl wir uns aus ganz unterschiedlichen Quellen nähren.
            Auch die Kommentare sind für mich von unschätzbaren Wert, ist durch diese einfache Art und Weise doch bereits das in Gang gebracht, was man gerne als Reflexion bezeichnet. Solange man bereit ist, seinen Standpunkt zu wechseln, in Bewegung zu sein, ist Leben in einem…

          • Da hast du sicher recht, es ist ein Privileg.
            Ich denke das die positiven Effekte was das Wissen angeht überwiegen.
            Doch kennst du dann sicher auch die Dämonen welche zwischen solchen Fragmenten lauern können.

            Das Leben ist System, kein System kein Leben.
            Immer konstruktiv bleiben, alles andere erledigt Darwin.

            Beste Grüße und gute Nacht
            Grummel

          • Die Dämonen sind aber nur dann von negativer Natur, wenn wir sie lassen. Im Kontext von Wissen heißt das, dass wir unsere Trägheit überwinden müssen und die (Wasser-)Oberfläche durchdringen müssen um auf den Grund zu kommen.
            Es ist bei fast allem, was wir lernen können. Wenn wir nicht die Energie (Zeit, Geld etc. sind nur andere Formen) aufbringen den ganzen Weg zu gehen, bleiben wir mit Halbwissen zurück. Dieses ist in der Tat ein Dämon. Gehen wir den ganzen Weg und beschäftigen wir uns z.B. mit Mathematik, so sehen wir das Ergebnis vor unserem geistigen Auge. Die Lösung steht dann förmlich im Raum. Beim Sport genau das Gleiche. Jemand der mit Kraft Kampfsport betreibt wird gegen jemanden, der die Kraft aus sich heraus aufbaut, immer unterliegen. Jemand der mit Kraft beim Kyudo den Pfeil im gespannten Bogen halten will, wird weiche Arme bekommen – erst wenn er lernt, den Atem zu kontrollieren, bekommt er Kontrolle über seine Arme und der Pfeil wird sein Ziel finden.

            Das alles ist keine graue Theorie, sondern meine tägliche Erfahrung, die ich gerne weitergebe.

    • Hmm…
      Lese mal das Buch „Wider den Gehorsam“ oder wenn du es ausführlicher willst „der Fremde in mir“.

      Dann weißt du mit was „Nazimentalität“ assoziiert ist, aber auch der Kampf dagegen (auch Thema im Faden hier).
      Das Paradox ist das sich dabei Opfer mehr oder weniger gegenseitig bekämpfen. Die Dialektik dahinter wird zum System, rechts gegen links…wer ist der lachende Dritte wenn die Kräfte so gebunden sind?

  4. „Der Mensch neigt dazu es vorzuziehen andere über sein Leben entscheiden zu lassen, weil er die Verantwortung scheut.“

    „Gehorsam hat sehr viel mit unterdrückter Angst zu tun.“

    Ich finde das gehört zusammen.
    Wenn die Selbstfunktion ständig negiert wurde und das offene Ausleben seiner Selbst wieder und wieder mit Gewalt und in der Folge Angst belegt wurde… dann ist es nachvollziehbar das ein „zu sich selber stehen“ ergo auch Verantwortung, mit der selben Angst belegt ist (Die Rolle wird „perfekt“ wenn noch diverse „Autoritäten“ im Spiel sind).
    Die Angst muss dabei nicht mal unterdrückt sein, die Entlastung durch zB. Flucht kann man dann später rationalisieren… oder auch nicht.

    • Auch für mich sind beide Aspekte jeweils eine Seite der selben Medaille.
      Bei der unterdrückten Angst muss man dann differenzierter diese Angst betrachten. Viele Ursachen von Ängsten scheinen auf unserem Erziehungsstil zu Grunden um uns zu rechtschaffenen Menschen zu machen, die brav folgen – wohin und wem ist dann zweitrangig.

      Unterdrückt muss die Angst tatsächlich nicht sein. Man lernt mit ihr zu leben. So kommt es dann auch, dass Schmerzen als Zuneigung interpretiert werden. Schläge eine Form der Beachtung werden…

    • Ja, dem stimme ich zu, Danke für die Ergänzung, ist zu kurz gekommen in meinen gedanklichen Ausführungen.

  5. Mit solchen unpolitischen Haltungen macht ihr euch mitschuldig am Elend unserer Gesellschaft

    • Wie heißt es doch so schön: „Das Volk liebt den Verrat, nicht aber den Verräter“

    • Hallo Cource,
      erst wollte ich ja gar nicht darauf antworten, schon bei Deinem ersten Beitrag, aber ich mache aus meinem Herzen keine Mördergrube.
      „Mit solchen unpolitischen Haltungen macht ihr euch mitschuldig am Elend unserer Gesellschaft“
      Na, denn Schuh‘ darfst Du gerne behalten. Ich kenne Dich nicht und Du kennst mich nicht! Das was ich hier von mir gegeben habe, macht vielleicht 1% meiner Gedanken aus, die restlichen sind Dir völlig unbekannt. Weder weißt Du etwas über mein politisches Engagement, noch weißt Du überhaupt etwas zu meiner Person. Aber Du erlaubst Dir hier großzügig Vorurteile und Unterstellungen: „in welchem elfenbeinturm lebt ihr den ihr glücklichen“.. “ – bitte keine zusätzlichen nebelkerzen –“
      Wenn Dir das: „wir brauchen eine klare und deutliche anklage gegen die wiedereinführung der nazimentalität durch bertelsmann und co“ so wichtig ist, dann unternimm DU etwas, dann geh‘ auf die Straße und trete dafür ein (das habe ich getan), mach‘ einen eigenen Blog und ihn publik, damit auch andere von Deinen Gedanken profitieren können. Beteilige Dich an Bürgerinitiativen, Widersprüchen (das habe ich getan). Du gehst einfach davon aus, dass die Menschen die hier posten sich nicht darüber im Klaren sind, was läuft (so wie Du es schilderst), nur weil sie es nicht explizit erwähnen? Ziemlich arrogant.
      Wir Menschen sind unterschiedlich und uns bewegen unterschiedliche Dinge und das ist in Ordnung. Wenn ich meinen Schwerpunkt in der Umweltpolitik habe, dann konzentriere ich überwiegend meine Kräfte darauf. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass ich anderes nicht wahrnehme oder mich nicht dafür interessiere. Wenn ich Kinder habe, dann ist es als völlig natürlich zu betrachten, dass ich mich überwiegend für die Interessen und Zukunftsperspektiven meiner Kinder interessiere. Kinder zu selbstständigem Denken zu motivieren, ist deshalb ein sehr guter Ansatz und hat mehr mit Zukunft und Verantwortung übernehmen zu tun, als anderen etwas vorzuwerfen, was nicht mal den Tatsachen entspricht.
      Ich finde es gut Missstände aufzuzeigen und andere darauf hinzuweisen was schief läuft im Lande und global. Und ich schreibe hier aus der erlebten Praxis und nicht aus dem Elfenbeinturm. Ich begrüße Aufklärungsarbeit! Aber das geht auch ohne dass man das Engagement anderer auf ihrem Gebiet niedermacht und herabwürdigt. Wenn schon, dann bitte etwas konstruktiver, so dass man etwas daraus lernen kann. Deine durchaus berechtigten Gedanken wäre auch ohne Beleidigungen verstanden worden.
      Nichts für ungut.

      • Sehr aufrichtig und ehrlich, liebe Ines. So kann Kooperation gelingen.
        Vielleicht liest Cource ja tatsächlich etwas mehr als nur bis zu seinem Feindbild und lässt die Worte auch nach innen wirken. Vielleicht ist sein „Erwachen“ das entscheidende, um die Transformation zu beginnen… wer weiss…

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